Unser Aufruf: Europa braucht einen Kapitalmarkt-Schub

Erschienen am: 19.03.2026

Dr. Stephan Leithner ist fest davon überzeugt: Europa muss jetzt gemeinsam große Schritte nach vorne machen. Die Deutsche Börse Group treibt als führender europäischer Anbieter von Finanzmarktinfrastruktur die Transformation der Märkte voran. Doch wir brauchen einen gemeinsamen Aktionsplan, um politische Absichten in die Tat umzusetzen. Die EU hat gemeinsam mit den Staats- und Regierungschefs die historische Gelegenheit, einen einheitlichen und starken Kapitalmarkt für Europa zu schaffen – zum Wohle aller Bürgerinnen und Bürger. Die Dringlichkeit wurde erkannt. Jetzt ist konsequentes Handeln gefragt.

Dr. Stephan Leithner, CEO der Deutsche Börse Group

Nur ein Kapitalmarkt, der global auf Augenhöhe spielt, kann die Autonomie Europas stärken. Dafür muss Europa seine Kapitalmärkte vertiefen, fragmentierende Regulatorik korrigieren und die Innovationsfähigkeit seines Ökosystems verbessern. Initiativen wie die Spar- und Investitionsunion der EU bilden die Grundlage – wir müssen aber deutlich weiter gehen. Ein entscheidender Faktor wird sein, die Kapitalmärkte durch strukturelle Initiativen in allen 27 Mitgliedstaaten stärker in der Altersvorsorge zu verankern. Die Verlagerung von Ersparnissen vom Sparbuch in langfristige, produktive und renditestarke Anlagen spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Einige Länder in Europa wie Schweden oder die Niederlande haben bereits vor Jahren geliefert. So verfügen sie heute über eine zukunftsfeste Altersvorsorge und haben die Liquidität gewonnen, die es zur Finanzierung von Börsengängen und für die Transformation ihrer Unternehmen braucht. An diese Erfolge müssen wir auf europäischer Ebene anknüpfen, mit einer Koalition der Ambitionierten und Verantwortungsbewussten, angetrieben von einem deutsch-französischen Motor. Gleichzeitig steigt die Zahl der Privatanleger kräftig, insbesondere in Deutschland. Gerade Unter-40-Jährige nehmen ihre Zukunft selbst in die Hand. Sie investieren in ETF- oder Fondssparpläne, für sich selbst und für ihre Kinder. Zudem stärkt der anhaltende internationale Kapitalzufluss die Dynamik in Europa. Globale Investoren schichten ihre Portfolios um und reduzieren ihre Übergewichtung in US-Werten.

Doch obwohl sich die Marktliquidität langsam vertieft, bleiben die europäischen Kapitalmärkte ein Flickenteppich von hunderten, zumeist intransparenten, Plattformen, getrennt durch nationale Grenzen und eine zersplitterte Regulierung. Diese Fragmentierung ist eine strategische Schwäche. Globale Wettbewerber, insbesondere in den USA, profitieren von harmonisierten, hochliquiden und transparenten Märkten und einer hoch skalierten Infrastruktur. Im Gegensatz dazu leiden europäische Investoren und Emittenten unter höheren Kosten und mangelnder Transparenz.

Der kürzlich veröffentlichte deutsch-französische FIVE-Bericht nimmt die Finanzierungslücke für Wachstum und Börsengänge ins Visier. Die europäischen Entscheidungsträger müssen dringend den langfristigen Trend umkehren, dass Liquidität in intransparenten Handelsplätzen blockiert ist und so keinen Beitrag zur Finanzierung von Wachstum und Innovation leistet. Der Handel an transparenten Märkten in Europa muss wieder auf einen Anteil jenseits von 50 Prozent steigen – so wie es in den USA schon immer der Fall war.

Die Vorschläge der EU‑Kommission gehen dafür nicht weit genug. Was wir brauchen, ist eine echte Harmonisierung der Spielregeln am Kapitalmarkt und eine Gleichbehandlung von Handelsplattformen. Wir müssen aus Europas fragmentierten Märkten eine resiliente Einheit schaffen.

Dazu genügt es nicht, einfach Aktienbörsen zusammenzulegen. Echte Konsolidierung und Integration entstehen durch organisches Wachstum oder Unternehmenszusammenschlüsse. Dafür muss zuerst das europäische Regelwerk korrigiert werden, das zur Fragmentierung geführt hat. Wir brauchen ein Regelwerk, das ermöglicht, Liquidität zu bündeln und so die Finanzierung von Wachstum zu stärken. Und wir brauchen ein EU-Wettbewerbsrecht, das einen echten Binnenmarkt ermöglicht, statt ihn zu blockieren. Erst dann können wir unseren europäischen Kapitalmarkt skalieren. Erst dann können Startups auch in Europa zu Global Champions heranwachsen. Erst dann kann Europa global wettbewerbsfähig bleiben. Effizientere Strukturen würden allen Marktteilnehmern zugutekommen.

Für zukunftsfähige Börsenstrukturen ist ein ganzheitlicher Blick auf den Kapitalmarkt entscheidend: Als Deutsche Börse Group haben wir mehr als nur eine Ansammlung einzelner Börsen geschaffen – wir sind ein integrierter europäischer Anbieter von Finanzmarktinfrastruktur. Wir haben ein global wettbewerbsfähiges Ökosystem entwickelt, das die gesamte Wertschöpfungskette umfasst: von Indizes über den Handel mit einer Vielzahl von Anlageklassen wie Aktien, Anleihen, ETFs, Fonds, Derivate bis hin zu integrierten Clearing-, Settlement- und Datenangeboten für maximale Effizienz. Wir sind mit über 10.000 Kapitalmarkt-Ingenieurinnen und Ingenieuren in allen europäischen Finanzzentren vertreten, davon 6.000 außerhalb Deutschlands. Mit diesem integrierten Ökosystem bieten wir eine leistungsfähige Infrastruktur, um die großen wirtschaftlichen Herausforderungen Europas zu bewältigen. Dazu zählen die Zukunftssicherung der Altersvorsorge, die Förderung von Wachstum und die Finanzierung von Innovationen.

Jetzt kommt es darauf an, den europäischen Kapitalmarkt weiter zu skalieren und zu integrieren. Dazu bedarf es eines Quantensprungs. Wir brauchen gemeinsame Fortschritte durch Partnerschaften – mit Kunden, Technologieanbietern und Akteuren des öffentlichen Sektors wie der Europäischen Zentralbank. Wir brauchen digitale Innovationen aus dem privaten Sektor, um globale Relevanz zu erlangen – mit europaweiten Regeln, die diese Innovationen belohnen. Nur wenn uns das gelingt, wird der europäische Kapitalmarkt endlich die Liquidität, die Effizienz und die Innovationsführerschaft erreichen, die unsere Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Regierungen benötigen.

Wir sind bereit, die Transformation des Kapitalmarkts anzuführen. Doch für echte Fortschritte braucht es gemeinsame Anstrengungen. Europa darf nicht länger auf halbherzige Maßnahmen setzen, sondern muss Größe und Einigkeit zeigen, um die Herausforderungen von heute und morgen zu bewältigen.