25 Jahre IPO


Mut zum Morgen – warum wir einen neuen Fortschrittspatriotismus brauchen

Prof. Dr. Miriam Meckel

Wir leben in einer paradoxen Zeit. Nie war mehr Wissen verfügbar, nie war der Zugang zu Technologien einfacher. Und doch wirken viele Gesellschaften, allen voran die deutsche, seltsam gelähmt. Als ob der Fortschritt, der uns einst groß gemacht hat, nun Angst statt Aufbruch erzeugt. Dabei hat die nächste Stufe der Zivilisation längst begonnen: das Zeitalter der Co-Intelligenz von Mensch und Maschine.  

Über Jahre hat sich eine Haltung verfestigt, die sich mit dem Status quo eingerichtet hat. Reformen? Gern, aber bitte ohne echten Wandel. Innovation? Ja, aber bitte erst, wenn alles DIN-genormt und vom TÜV abgenommen ist. Bürokratieabbau? Selbstverständlich, allerdings schrittweise und in homöopathischer Dosis. Diese Mischung aus Prinzipienversessenheit, Regelungslust und Zukunftszweifel hat dazu geführt, dass ausgerechnet das Land der Denkerinnen und Tüftler technologisch zurückfällt. Derweil baut man in den USA und China an den Grundlagen der Künstlichen Intelligenz und schafft globale Fakten.

Es geht um die Haltung

Deutschland braucht wieder einen Fortschrittspatriotismus, der mehr ist als Technikbegeisterung oder Startup-Romantik. Es geht um die Haltung, mit der wir dieser neuen Ära begegnen. Eine Haltung, die nicht erst dann handelt, wenn jede Unwägbarkeit beseitigt ist, sondern sich traut, ins Ungewisse aufzubrechen, weil sie weiß, dass sich Zukunft nicht rückversichern lässt. Fortschritt war nie die Summe geprüfter Sicherheiten, sondern immer das Resultat mutiger Entscheidungen. Carl Benz und Rudolf Diesel haben nicht versucht, schnellere Pferde zu züchten. Sie haben das Prinzip Mobilität neu gedacht. 

Es gab in der deutschen Geschichte zahlreiche Eroberungen neuer Territorien: Der Kühlschrank, der Fernseher, der Geigerzähler, und natürlich die Automobil- und Transporttechnik gehen ebenso auf den deutschen Forscher- und Erfindergeist zurück wie die Braunsche Röhre und die Röntgentechnologie. Konrad Zuse baute den ersten kommerziellen Computer. Otto Hahn und Lise Meitner erarbeiteten die technologischen Grundlagen der Kernspaltung, Max Planck, Werner Heisenberg und Max Born wagten es, die unvorstellbaren Möglichkeiten der Quantenphysik als Forschungsfeld zu etablieren, und Robert Koch zeigte der Welt die Potentiale der Mikrobiologie. 

Deutschland, das war mal ein Land, in dem die Zukunft gedacht und gemacht wurde. Und das kann auch wieder so sein. Durch unsere Geschichte und Kompetenz sind wir in Deutschland bestens ausgerüstet, uns an die nächsten Durchbrüche zu machen: den Supraleiter, die Quantencomputer, die Kernfusion. Unternehmerinnen und Unternehmer gibt es genug. Allzu oft werden sie aber durch Bürokratie und Finanzierungsprobleme ins Ausland getrieben.  

Warum trauen wir uns nicht, Sonderwirtschaftszonen einzurichten, in denen experimentell viel mehr möglich ist und von denen das Land lernen kann, was geht und was nicht? Warum aktivieren wir nicht brachliegendes Kapital und erleichtern Unternehmen den Schritt an die Kapitalmärkte. Warum setzen wir nicht wieder stärker auf das Prinzip Vertrauen und sanktionieren Fehlverhalten scharf, statt Unternehmen mit einem Wust von prophylaktischen Berichterstattungspflichten zu überziehen? Warum investieren Pensionsfonds nicht stärker in die Break-out- und Scale-up-Phasen unserer Startups, um unsere eigene Technologie-Dynamik zu entfesseln und damit gute Erträge?  

Offenheit statt Perfektion 

Es wird Zeit für ein mentales Reset. Für ein Ja zur Offenheit und ein Nein zur lähmenden Perfektion. Die großen Herausforderungen unserer Zeit – von Klimakrise über demografischem Wandel bis zur digitalen Souveränität – sind nur lösbar, wenn wir uns trauen, wieder ins Risiko zu gehen. Wir brauchen Experimentierräume, in denen nicht gleich der Datenschutzbeauftragte oder das Verwaltungsgericht die Erkundung des Neuen verhindert. Wir brauchen Institutionen, die nicht verwalten, sondern gestalten. Und wir brauchen Führungskräfte in Politik und Wirtschaft, die nicht nur risikofrei ihren Dreijahresvertrag erfüllen wollen, sondern erklären und motivieren können, was sein soll. Vor allem aber brauchen wir den Anreiz für Bürgerinnen und Bürger, sich wieder mehr in ihrem Land zu engagieren. 

Ein Fortschrittspatriotismus ist kein blindes Fortschrittsversprechen. Er verlangt eine demokratische Rahmensetzung, die Technologie an den Dienst des Menschen stellt – nicht umgekehrt. Aber genau dafür darf Deutschland nicht länger als moralischer Bedenkenträger in globalen Innovationsfragen agieren. Es muss wieder zum Möglichmacher werden, zum Choreografen einer intelligenten Co-Evolution von Mensch und Maschine. 

Die größte Gefahr ist nicht die Künstliche Intelligenz. Es ist unsere menschliche Passivität, eingebettet in eine alternde Demografie und die Materialermüdung der Demokratie. Auch die braucht neue Energiezufuhr. Ein digitaler Staat, wie in den nordischen und baltischen Ländern, stärkt das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Demokratie. Dort ist der Staat nicht „das andere“. Er leistet einen Beitrag, den die Menschen spüren, die zu ihm gehören.  

Wer Vertrauen hat, hat auch Mut. Fortschrittspatriotismus bedeutet, das eigene Land nicht aufzugeben, sondern ihm wieder zuzutrauen, große Perspektiven aufzuzeigen. Menschen müssen die Chance bekommen, Teil einer Lösung zu sein. Das ist die beste Voraussetzung für demokratischen Patriotismus und wirtschaftlichen Erfolg. 


Prof. Dr. Miriam Meckel ist Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, Schweiz, Co-Gründerin der ada Learning und Verwaltungsrätin. Sie schreibt eine Kolumne fürs Handelsblatt und hostet gemeinsam mit dessen Chefredakteur Sebastian Matthes einen wöchentlichen Podcast.