25 Jahre IPO


Mund abwischen, weitermachen

Dr. Detlef Fechtner

Die großen Fusionspläne der Deutsche Börse Group platzten. Warum das im Rückblick alles andere als die Geschichte eines Scheiterns ist.

Die Führungskräfte der Deutsche Börse Group dürften im Oktober 2025 ihren Ohren nicht getraut haben. Bundeskanzler Friedrich Merz machte sich öffentlich für eine europäische Börse stark. „Wir brauchen eine Art European Stock Exchange, damit erfolgreiche Unternehmen wie zum Beispiel Biontech aus Deutschland nicht an die New Yorker Börse gehen müssen“, sagte er. 

Echt jetzt?

Die Deutsche Börse Group hat seit der Jahrtausendwende 7 (in Worten: sieben!) Versuche unternommen, sich mit anderen Marktbetreibern in Europa zusammenzuschließen. Sie wurde sieben Mal zurückgepfiffen. Die Unterstützung der Politik war – vorsichtig formuliert – meist überschaubar. 

Im Mai 2000 scheiterte der erste Versuch, sich mit der London Stock Exchange zur International Exchange zusammenzutun. „iX – war wohl nix“ spöttelte anschließend die Börsen-Zeitung. In London bereiteten die Integrationskosten Sorgen, in Frankfurt die geplante Verlagerung des Blue-Chip-Geschäfts sowie des Geschäftssitzes nach London. Dass Frankfurt im Gegenzug unter anderem das Segment der Wachstumswerte beheimateten sollte, wurde später zur Hypothek für jeden weiteren Fusionsversuch – nach dem Desaster am Neuen Markt fühlten sich die Gegner von iX doppelt bestätigt.

Heuschrecken und Pech beim Timing

Vier Jahre später organisierte der Hedgefonds TCI eine Rebellion der Aktionäre gegen den zweiten Anlauf eines Schulterschlusses Frankfurts mit London. Während halb Deutschland über „Heuschrecken“ debattierte, wurden die Pläne erneut einkassiert.

Beim dritten Anlauf grätschte die EU-Kommission dazwischen. Sie beanstandete ein De-Facto-Monopol im europäischen Anleihe- und Repo-Clearing. Mitentscheidend für die schwindende Unterstützung dürfte aber vor allem das unglückliche Timing gewesen sein: im Juni 2016 entschieden sich 51,89% der Briten für den Brexit. Danach war klar, dass der Sitz der neuen Börse bei einem Zusammenschluss aus der EU herausverlagert werden würde – Wasser auf die Mühlen der Kritiker.

Vier Jahre zuvor hatte die EU-Kommission bereits Pläne der Deutsche Börse Group und NYSE Euronext durchkreuzt. Monatelang wurde über die „relevanten Märkte“ gestritten. Was wie ein technisches Detail klingt, war letztlich spielentscheidend. Für die Bewertung der Marktbeherrschung spielt es eine erhebliche Rolle, wie weit oder eng die Linien gezogen werden – ob mit oder ohne Over-the-counter-Geschäft. Der Anlauf Richtung Euronext 2011/2012 war wiederum bereits der zweite Versuch: 2006 war der erste Testlauf eines Schulterschlusses gescheitert. 

Der Vollständigkeit halber sei auch an die erfolglosen Bemühungen um eine enge Bande mit der schweizerischen Six und der Borsa Italiana erinnert.

Ist die Konsolidierung der Marktplätze in Europa also eine Geschichte des Scheiterns? Mitnichten. Die Deutsche Börse Group hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine ganze Reihe von Gesellschaften übernommen, deren Geschäft eng mit Handel, Verrechnung und Abwicklung von Wertpapieren verzahnt ist: 360T, Stoxx, Axioma, ISS, Simcorp – die Liste ist lang.

Das führt automatisch zur Frage, ob es Mehrwert schafft, große Börsendeals zu schmieden, die jedes Mal von nationalen Verlustängsten begleitet und mit dem Risiko wettbewerbsrechtlicher Einwände behaftet sind. Oder ob es aus Sicht eines Marktbetreibers nicht sinnvoller ist, sich punktuell dort in der Wertschöpfung zu verstärken, wo neue Marktbedürfnisse entstehen.

Die Antwort des Markts

Zumindest die Anteilseigner der Börse haben darauf eine Antwort gegeben. Die Marktkapitalisierung des Unternehmens hat sich zwischen 2004 und heute verachtfacht – trotz der gescheiterten Fusionspläne. Oder ja vielleicht auch gerade deswegen.

Natürlich: größere Liquiditätspools ermöglichen engere Spreads, Skalierung hilft bei Ertrag und Effizienz. Die Frage ist jedoch, ob diese Vorteile die erheblichen wirtschaftlichen und politischen Kosten von Börsenfusionen aufwiegen. Das lässt sich nur separat für jedes einzelne Vorhaben bestimmen.

Bleibt die Frage, ob Europa eine gemeinsame Börse braucht. Auffällig ist, dass auf der Wunschliste der Investoren andere Themen ganz oben stehen: die Harmonisierung nationaler Insolvenz- und Steuerregeln etwa, oder eine kapitalmarktorientierte Reform der Altersvorsorge nach schwedischem Vorbild.

Die Fragmentierung des Handels und der Post-Trade-Infrastruktur durch viele Plattformen, Verwahrstellen und Gegenparteien schmerzt zwar weiterhin auch. Eine Zentralisierung gilt aber nicht zwangsläufig als Mittel der Wahl. Stattdessen wird auch über mehr Kohärenz nachgedacht – so wie aktuell im Marktinfrastruktur-Paket der EU-Kommission als Schritt hin zu einer Spar- und Investitionsunion. 

Vielleicht hatte Friedrich Merz solche Überlegungen im Hinterkopf, als er nach einer europäischen Börse rief.

Dr. Detlef Fechtner ist Chefreporter der Börsen-Zeitung.