25 Jahre IPO


Europas Kapitalmärkte: Zuhause Stärke schaffen, um international konkurrenzfähig zu sein

Maria Luís Albuquerque

Vor 25 Jahren ist die Deutsche Börse Group an die Börse gegangen: Ein Meilenstein, der nicht nur das Unternehmen, sondern die gesamte europäische Finanzlandschaft verändert hat. Seit ihrem IPO hat sich die Deutsche Börse Group zu einem zentralen Pfeiler der europäischen Finanzmarktinfrastruktur entwickelt: Sie verwandelt Ersparnisse in Investitionschancen und sie trägt dazu bei, dass Europas Wirtschaft an Größe, Reife und Selbstvertrauen gewinnt.

Zu lange waren wir ein Kontinent der Sparer, die nach den richtigen Märkten suchten – und ein Kontinent der Märkte, die nach Größe strebten. Unsere Stärke liegt nicht nur in unserer Produktivität und Innovationskraft, sondern auch in dem riesigen Vermögen, das wir Europäer über Generationen aufgebaut haben. Doch allzu oft gelingt es uns nicht, diese Ressource richtig zu mobilisieren. Sie verharrt auf Sparkonten, statt in unsere Zukunft investiert zu werden.

Kapitalmärkte sind das Nervensystem moderner Wirtschaften. Sie verbinden diejenigen, die sparen, mit denen, die Innovationen vorantreiben. Sie verwandeln Potenzial in Fortschritt. Für Europa sind starke, gut vernetzte Kapitalmärkte daher mehr als nur eine finanzielle Notwendigkeit. Sie sind ein strategischer Imperativ und bilden das Fundament, um wettbewerbsfähig zu bleiben, Krisen zu überstehen und in einer unberechenbaren Welt selbstbestimmt handeln zu können. Sie verschaffen uns die Mittel, um etablierte wie innovative Unternehmen jeder Größe zu finanzieren und dringende politische, öffentliche Projekte zu stemmen.

Die Gleichung umkehren

In den USA, China und zunehmend in ganz Asien lenken Kapitalmärkte inländische und internationale Investitionen dorthin, wo sie vor Ort gebraucht werden. In Europa hingegen bremsen uns Fragmentierung und Ineffizienz weiterhin aus. Unternehmer suchen im Ausland nach Kapital, das sie eigentlich zu Hause finden sollten, während die Bürgerinnen und Bürger ihre Ersparnisse auf sicheren, aber kaum ertragsreichen Konten beiseitelegen, wo sie viel weniger erwirtschaften als an den Kapitalmärkten.

Wenn wir Europas langfristigen Wohlstand sichern wollen, müssen wir diese Gleichung umkehren. Die Ersparnisse der Europäer sollten Europas Wandel hin zu einer nachhaltigen, digitalen und innovativen Wirtschaft antreiben. Unser Ziel ist es nicht, andere Wirtschaftsmodelle zu imitieren, sondern ein eigenes aufzubauen, das Europas Werte widerspiegelt, und Wettbewerbsfähigkeit mit Fairness verbindet, Leistung mit Besonnenheit und Innovation mit Vertrauen.

Im Zentrum dieser Bemühungen steht die Stärkung der Eigenkapitalfinanzierung. Zu viele europäische Unternehmen verlassen sich überwiegend auf Fremdkapital, was sie anfällig macht für Schocks und ihre Wachstumsmöglichkeiten begrenzt. Diese übermäßige Abhängigkeit von Schulden, meist Bankkredite mit Immobilien als Sicherheit, bremst das Produktivitätswachstum und trägt zu weiteren wirtschaftlichen Ungleichgewichten bei. Der Mangel an Alternativen schließt zudem neue Marktteilnehmer aus. Sie besitzen oft innovative Geschäftsmodelle und ein höheres Risikoprofil, allerdings keine Immobilien als Kreditsicherheit. Stärkere Aktienmärkte würden es allen Unternehmensklassen ermöglichen, zu skalieren, zu innovieren und global zu konkurrieren.

Hier spielen Finanzinfrastrukturen, wie die Deutsche Börse Group, eine entscheidende Rolle: Sie vertiefen die Liquidität, senken die Kosten und modernisieren Handels- und Clearingsysteme, um Europas Unternehmer mit langfristig orientierten Investoren und globalem Kapital zu verbinden.

Tiefe, Effizienz, Transparenz

Das ist der Kern meiner Vision für Europas Kapitalmärkte: ein System, das Investoren und Unternehmen in einer Wachstumspartnerschaft verbindet, weltweit durch Tiefe, Effizienz und Transparenz konkurrenzfähig ist, und die Fähigkeit der Europäischen Union stärkt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Die Strategie der Spar- und Investitionsunion (SIU), die von der Europäischen Kommission im März 2025 ins Leben gerufen wurde, ist unsere Road Map, um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Sie übersetzt Ambition in konkretes Handeln und sorgt dafür, dass der enorme Pool privater Ersparnisse in Europa dem Wachstum Europas zugutekommt.

Wir wollen die richtigen Rahmenbedingungen und Anreize schaffen, damit Haushalte höhere Renditen auf ihre Ersparnisse erzielen können, um die Entwicklung betrieblicher Altersvorsorge zu fördern und die Ausweitung der Anlagestrategien von Pensionsfonds zu unterstützen. Wir wollen, dass Unternehmen problemlos Zugang zu genau den Finanzierungsinstrumenten bekommen, die am besten zu ihren Bedürfnissen passen. Und wir wollen, dass in Europa Investitionsprojekte entstehen, die inländisches wie ausländisches Kapital anziehen. Damit all dies gelingt, muss der regulatorische und aufsichtsrechtliche Rahmen gleichzeitig Finanzstabilität gewährleisten und Wachstum fördern.

Herausforderungen im Wettbewerb,  können nur auf Ebene der Europäischen Union angegangen werden. Alle Initiativen im Rahmen der SIU-Strategie sind somit wesentliche Bausteine eines echten Finanzbinnenmarkts. Wir können uns nicht länger die irrige Vorstellung leisten, nationale und europäische Interessen stünden im Widerspruch zueinander. Im Gegenteil: Wir sind nur stark, wenn wir gemeinsam handeln. Kein Mitgliedstaat ist groß genug, um allein erfolgreich zu sein.
Die Umsetzung der SIU-Strategie wird unweigerlich den Status quo aufbrechen – denn ein wirklicher Wandel des europäischen Finanzökosystems erfordert genau das. Der politische Rückenwind hinter dieser Agenda ist ermutigend und spiegelt die wachsende Erkenntnis, dass Europa gegenüber den Trends, die die Zukunft prägen, ins Hintertreffen gerät – mit Risiken für unsere wirtschaftliche Resilienz und unsere strategische Autonomie.

Ohne Veränderung geht es nicht

Geschäftsmodelle, die sich vom Wettbewerb abschotten oder den Anschluss an eine sich rasant verändernde Welt verpassen, werden in den nächsten Jahren unter Druck geraten. Das ist uns bewusst. Aber wir wissen auch, dass wir Veränderung brauchen, um die richtigen Voraussetzungen für diejenigen zu schaffen, die innovativ und ehrgeizig sind: die Unternehmen und Unternehmer, die Europa helfen können, weltweit auf Augenhöhe zu konkurrieren.

Um diese Agenda in die Tat umzusetzen, bietet die SIU einen klaren Handlungsrahmen. Ihre Stärke liegt in einem kohärenten Ansatz, der auf drei sich gegenseitig stützenden Säulen ruht.

Erstens: die Stärkung der Bürger. Investieren bleibt für viele Europäer zu komplex. Mit unserem Konzept für EU-Spar- und Anlagekonten und einer erweiterten Strategie für Finanzbildung machen wir das Investieren einfacher, sicherer und besser zugänglich für alle.

Zweitens: die Mobilisierung von Investitionen. Europas Unternehmen – von Start-ups über kleine und mittlere Betriebe bis hin zu Großkonzernen – benötigen diversifizierte Finanzierungsquellen. Die SIU unterstützt die Wiederbelebung der Verbriefungsmärkte, erleichtert langfristige Eigenkapitalinvestitionen durch institutionelle Anleger und richtet private und öffentliche Finanzierung auf gemeinsame Ziele aus.

Drittens: Integration und Vertrauensbildung. Fragmentierte nationale Regeln trennen noch immer Europas Binnenmarkt für Kapital. Die SIU wird Barrieren für grenzüberschreitende Investitionen identifizieren und abbauen sowie die Aufsichtskonvergenz fördern. Integration braucht Vertrauen, Vertrauen braucht Integration. Trifft beides zusammen, wird Europa ein wahrhaft globaler Investitionsstandort.

Der Kurs ist klar

Unser Ziel ist einfach: Wir wollen sicherstellen, dass europäische Innovatoren und Unternehmen schnell, flexibel und zu geringen Kosten Zugang zu der Finanzierung erhalten, die sie benötigen. Ein stärkeres Spar- und Investitionsökosystem wird Innovation finanzieren, unsere Volkswirtschaften gegen Schocks abschirmen und unsere Wettbewerbsfähigkeit sichern.

Der Kurs ist klar. Europa hat das Talent, das Kapital, die Ideen – jetzt brauchen wir Skalierung und Zusammenhalt, um alles zusammenzubringen und zu nutzen. Das heißt: Visionen in Taten übersetzen und Potenzial in Ergebnisse verwandeln.

Die Deutsche Börse Group feiert ihr 25-jähriges Jubiläum. Ihr Erfolg erinnert uns daran, dass Ehrgeiz und Integration keine abstrakten Ziele sind. Sie sind die Grundlagen des Fortschritts. Der gleiche Geist, der eine der weltweit führenden Marktinfrastrukturen aufgebaut hat, muss nun Europa als Ganzes leiten, um unsere Märkte zu vertiefen, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und Innovation mit Zuversicht zu verbinden. Ich bin überzeugt, dass die Deutsche Börse Group in den nächsten 25 Jahren weiterhin die Vision eines stärkeren, dynamischeren und global selbstbewussten Europas unterstützen wird – eines Europas, das fähig ist, seine eigene Zukunft auf der Weltbühne zu gestalten.
 

Maria Luís Albuquerque ist EU-Kommissarin für Finanzdienstleistungen und für die Spar- und Investitionsunion.