25 Jahre IPO


Herzlichen Glückwunsch – trotzdem!

Dr. Gregor Gysi

Gregor Gysi hat naturgemäß ein zwiespältiges Verhältnis zur Börse. Umso mehr freuen wir uns, dass er seine Gedanken zu unserem 25-jährigen IPO-Jubiläum mit uns teilt.

Das 25-jährige Jubiläum des Börsengangs der Deutschen Börse ist für mich zunächst Anlass zu einem Bekenntnis: Obwohl ich ein notorischer Zweckoptimist bin und als solcher eigentlich ideal geeignet wäre, mich auf das Börsenspiel der Hoffnungen einzulassen, habe ich in meinem Leben nur eine einzige Aktie gekauft, die aber nicht an der Börse gehandelt wird – die Stadionaktie meines 1. FC Union Berlin.

Insofern kann ich also gänzlich ohne eigene Erfahrungen positiver oder negativer Art die Börse als den Ort würdigen, der letztlich das Profitprinzip des Kapitalismus auf die Spitze treibt, indem hier aus Geld Geld gemacht wird. Gerade weil dieses Geschäft nach Marx anders als die Produktion keinen realen, sondern nur einen fiktiven Mehrwert schafft – der sich allerdings im Portfolio gewisser Präsidentenfamilien sehr real widerspiegelt, wenn ein Wort des Präsidenten die Kurse antreibt oder abstürzen lässt – sind die Auswirkungen, wenn eine so genannte Blase platzt, allerdings eben nicht auf das eine Unternehmen beschränkt, sondern können ganze Volkswirtschaften und Staaten erfassen.

Dass es seit Bestehen der Deutschen Börse anders als in anderen Staaten und zu anderen Zeiten bisher nicht zum großen Crash gekommen ist, dürfen die Akteurinnen und Akteure durchaus für sich auf der Habenseite verbuchen. Individuelles Scheitern war und ist selbstverständlich trotzdem nicht ausgeschlossen. Aber auch diesbezüglich soll Karl Marx ja eigene Erfahrungen gemacht haben.

Auch wenn ich finde, dass die täglichen Börsennachrichten im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk – wenn ich mich nicht täusche, neben dem Wetter und den Nachrichten die einzige Konstante im Programm – dem Auf und Ab der Kurse eine etwas zu große Bedeutung bemessen, muss ich doch anerkennen, was die Börse zur Finanzierung von Investitionen und bei der Kontrolle von Unternehmensentwicklungen leistet. Ob man dafür Leerverkäufe und noch viel komplexere Finanzkonstrukte braucht, halte ich allerdings für fraglich und macht meine Zweifel, die Altersvorsorge mehr und mehr dem Börsenspiel zu überantworten, noch größer.

Einem Jubilar wünscht man ja gemeinhin noch viele schöne Jahre. Die Deutsche Börse wird es noch viele Jahre geben. Ob es schöne werden, wird auch davon abhängen, ob der Wert von Unternehmen und von Geldanlagen auch daran gemessen wird, was sie zum Erhalt menschlicher Existenzbedingungen auf dem Planeten und für ein sozial gerechtes Zusammenleben leisten. Das wird auch die Verwertungsgrundlagen des Kapitals in Zukunft mehr bestimmen als viele heute wahrhaben wollen. In diesem Sinne alles Gute und fröhliches Beherrschen von Bullen und Bären.

Dr. Gregor Gysi ist Mitglied des Deutschen Bundestages und dessen Alterspräsident in der 21. Legislaturperiode.