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Handschlag der Invisible Hand

Prof. Dr. Nils Goldschmidt

Märkte brauchen Vertrauen. Über die unsichtbare Kraft des Kompromisses und einen Hidden Champion der Ökonomie. 

Die unsichtbare Hand fristet ein gebeuteltes Dasein: Mal ist sie das Symbol für einen kaltherzigen Kapitalismus, mal eine Chiffre für das mirakulöse Zusammenwirken von Angebot und Nachfrage. Nur selten wird sie mit dem in Verbindung gebracht, wofür sie eigentlich steht: den Ausgleich individueller Interessen über Märkte.

Adam Smith (1723-1790), der Urvater der modernen Wirtschaftswissenschaften und der Urheber dieses Begriffs in ökonomischen Zusammenhängen, war vor allem interessiert am Zusammenleben von Menschen. Das zeigt sich eindrücklich in seinem ersten großen Hauptwerk, der „Theorie der ethischen Gefühle“, aus dem Jahr 1759.  Bereits dort findet sich die „unsichtbare Hand“ als Beschreibung einer menschlichen Tendenz zum Ausgleich und zum Wohlstand, die erklärt werden kann, ohne dass diese Tendenz von Menschen, in diesem Fall von den Reichen, bewusst angestrebt wird.

Auch an einer zweiten Stelle im Werk von Adam Smith – es sind insgesamt nur drei im Gesamtwerk – geht es beim Verweis auf die unsichtbare Hand um die Einsicht, dass eine Erkenntnis der Zusammenhänge auch jenseits wundersamer Erklärungen möglich ist. In seiner Vorlesung zur „Geschichte der Astronomie“, die posthum veröffentlicht wurde, schreibt Smith mit Blick auf polytheistische Religionen, dass Naturphänomene, die sich regelmäßig zeigen, nicht durch das willkürliche Einwirken einer Gottheit zu erklären sind, sondern durch beobachtbare Eigenschaften: „Feuer brennt und Wasser erfrischt; schwere Körper fallen nach unten und leichtere Substanzen steigen nach oben, aufgrund der Notwendigkeit ihrer eigenen Natur; und niemals wurde angenommen, dass die unsichtbare Hand Jupiters in diesen Dingen am Werk sei.“

Keine Absicht, trotzdem passiert

Wir halten fest: Vieles scheint wie von unsichtbarer Hand geleitet, ist aber bei genauer Beobachtung erklärbar. Genau darum geht es auch in der dritten Textstelle aus Smiths bekanntestem Werk „Der Wohlstand der Nationen“ aus dem Jahr 1776. Die unsichtbare Hand betritt dort die literarische Bühne, als es um die inländische Wertschöpfung geht – und darum, dass diese durch die Erwerbstätigkeit der Einzelnen steigt, ohne dass irgendeine oder irgendeiner sich Gedanken darüber macht: „Wenn er diese Erwerbstätigkeit so ausrichtet, dass die größte Wertschöpfung erfolgt, denkt er nun an seinen eigenen Vorteil, und dabei wird er, wie in vielen anderen Fällen auch, von einer unsichtbaren Hand geleitet, einem Zweck zu dienen, der nicht in seiner Absicht lag.“

Es war nicht die Absicht, aber es ist trotzdem passiert. Erst bei genauem Hinsehen kann man erklären, wie: Es ist das Zusammenspiel auf Märkten, es ist die Arbeitsteilung, die Menschen Wohlstand bringt. Das gilt bis heute.

Eine weitere Passage aus Smiths Hauptwerk, vermutlich die berühmteste, verdeutlicht diesen Punkt: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“ Was genau wird da von Smith beschrieben? Wird hier jemand über den Tisch respektive die Theke gezogen? Macht der Metzger hier einen Deal? Oder klären die Kunden mit dem Bäcker in langen Verhandlungsrunden, was genau – im Lichte des besseren Arguments – nun ein wirklich universell fairer Preis sei, auf den sie sich dann einigen?

Weder noch! Wenn ich einen Bäckerladen betrete, das Glöcklein klingelt und ich drei Normale, ein Kornspitz und zwei Laugen bestelle, einigen wir uns auf einen langfristig erprobten und preislich koordinierten Ausgleich. Noch deutlicher wird das am Flohmarkt oder beim Gebrauchtwagenkauf. Märkte bringen Nachfrager und Anbieter zusammen, sie schaffen einen Abgleich von Interessen. Nicht jedes Angebot findet dabei einen Nachfrager, aber die Grundidee von Märkten ist genau das: so viele Einigungen wie möglich zum gegenseitigen Vorteil zu verwirklichen. Natürlich sollte ich dabei für den anderen als Handelspartner attraktiv sein, also werde ich mich bemühen, gute, günstige und im besten Fall innovative Produkte anzubieten.

So zu handeln, ist gerade kein Egoismus, wie Smith immer wieder vorgeworfen wurde. Kritiker zeichnen Smiths Metzger, Brauer und Bäcker oft als eigennützige, gierige, selbstbezogene Wesen, denen der andere egal ist. Flugs wird dann noch der homo oeconomicus einbestellt – gleichwohl diese Figur erst deutlich später die Bühne der Wirtschaftswissenschaften betrat – und fertig ist der kaltherzige Kapitalist.

Smith aber geht es bei seinen Metzgern, Brauern und Bäckern um etwas anderes. Wir erwarten, so Smith, „dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen“. Und er fährt fort: „Wir wenden uns nicht an ihre Menschenliebe, sondern an ihre Eigenliebe und reden ihnen nicht von unseren Bedürfnissen, sondern von ihrem Vorteil.“ Bringe deine eigenen Interessen ein! Nutze deinen Verstand! Warte nicht, dass jemand Dir aus Barmherzigkeit Gutes tut! Das ruft Smith jedem zu. Es geht ihm um Selbstliebe, es geht ihm um gemeinsame Vorteile. Ökonomisches Denken, so sein Argument, ist dem Menschen zugewandt. Vielleicht nicht aus Nächstenliebe, aber weil alle bereit sind, die Interessen anderer anzuerkennen.

Wettbewerb als Aufgabe

Smith war Philosoph der Schottischen Aufklärung und Smith war Optimist. Vielleicht ein wenig zu optimistisch. Der rasante materielle Aufstieg durch die Industrialisierung und die zahlreichen Innovationen, die bald auch den Kontinent erreichten, zeigten Schattenseiten: Unternehmen streben Machtpositionen an, wirtschaftlicher Erfolg beruht nicht immer nur auf Anstrengung, sondern vielfach auch auf Glück – ein Umstand, auf den der österreichische Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek immer wieder hingewiesen hat.

Die Konsequenz: Der Wettbewerb, das Spiel des Marktes braucht Regeln. Nur dann kann es fair verlaufen. Auch das hatte Smith im Blick, wenn er in der „Theorie der ethischen Gefühle“ über den Unternehmer ausführt: „In dem Wettlauf nach Reichtum, Ehre und Avancement, da mag er rennen, so schnell er kann und jeden Nerv und jeden Muskel anspannen, um all seine Mitbewerber zu überholen. Sollte er aber einen von ihnen niederrennen oder zu Boden werfen, dann wäre es mit der Nachsicht der Zuschauer ganz und gar zu Ende. Das wäre eine Verletzung der ehrlichen Spielregeln, die sie nicht zulassen könnten.“

Hierauf baut auch die Soziale Marktwirtschaft. Es geht um Regeln, damit das Spiel überhaupt erst möglich wird. Wettbewerb und Märkte sind gerade keine Natur-, sondern Kulturphänomene, die Pflege und Hege brauchen. Damit Wettbewerb im Interesse aller wirkt, muss er als staatliche und gesellschaftliche Aufgabe verstanden werden. Regeln werden dabei nicht gebraucht, um das Spiel zu lenken, sondern um Freiräume zu schaffen. In unseren Debatten über Bürokratieabbau wäre viel gewonnen, wenn dieser Gedanke die Diskussion prägen würde: Regeln sind vor allem dann sinnvoll, wenn sie Freiräume schaffen, statt der Kreativität Fesseln anzulegen.

Soziale Infrastruktur als Hidden Champion

Märkte dienen also – wie bei Smith gesehen – immer dann dem Wohle aller, wenn jede und jeder Einzelne bereit ist, die Interessen anderer als berechtigt anzuerkennen. Kurz, wenn alle bereit sind, Kompromisse zu schließen: Ich werde zwar keine Höchstpreise durchsetzen, ich werde auch nicht jedes Mal ein Schnäppchen machen, aber dafür findet ein Abgleich statt. Beide Seiten sind bereit, die gegenläufige Position zu akzeptieren. Man geht aufeinander zu, streckt die Hand aus. Die Bereitschaft zum Kompromiss vergrößert die Handlungs- und Handelsspielräume.

Grundvoraussetzung dieser Kompromissbereitschaft ist gegenseitiges Vertrauen – was uns zur Sozialen Marktwirtschaft bringt. Sie war für den Schöpfer des Begriffs, Alfred Müller-Armack, immer auch eine „irenische Formel“ – eine vom griechischen Wort für Frieden abgeleitete Formulierung. Müller-Armack war der festen Überzeugung, dass der Ausgleich widerstreitender sozioökonomischer Interessen wie auch unterschiedlicher gesellschaftspolitischer Vorstellungen eine notwendige Voraussetzung für den materiellen, politischen und moralischen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg sein würde. Es ging ihm dabei nicht um die Einebnung unterschiedlicher Positionen, sondern um die moderate Zusammenführung gegenläufiger Standpunkte.

Diese irenische Formel war für viele Jahre erfolgreich. Und sie ist heute vielleicht wichtiger denn je. In einer Studie mit mehr als 170 Ländern, die wir jüngst in Zusammenarbeit mit dem Roman Herzog Institut abgeschlossen haben, können wir zeigen, dass ein Wechselspiel, oder technisch ausgedrückt: eine hohe positive Korrelation, zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlichem Zusammenhalt besteht. Beide müssen zusammengedacht werden. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass zunächst das Zusammenspiel verschiedener inklusiver Institutionen gelingen muss, bevor es sichtbare Effekte auf die Wirtschaftsleistung gibt. Deutschland steht dabei im weltweiten Vergleich ziemlich gut da.

Für die Wirtschaftspolitik folgt daraus: Wir sollten unseren hohen gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht verspielen. Institutionen müssen gestärkt, demokratische Verfahren gesichert, soziale Teilhabe und Vertrauen gezielt gefördert werden. Wir brauchen nicht nur dringend Investitionen in unsere physische Infrastruktur wie Brücken, Schienen und Straßen, sondern auch in die soziale Infrastruktur. Der Handschlag mit der Invisible Hand gelingt nur, wenn wir gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht als Sozialromantik abtun, sondern ihn als harten ökonomischen Faktor anerkennen und als das verstehen, was er in Wirklichkeit ist: ein Hidden Champion.

Prof. Dr. Nils Goldschmidt ist Direktor des Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen und Professor für Kontextuale Ökonomik und ökonomische Bildung an der Universität Siegen. Seit Oktober 2024 ist er Mitglied im Deutschen Ethikrat.