25 Jahre IPO


Geld zum Wachsen

Verena Pausder

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, sagte einst Helmut Schmidt. Zeit, das geflügelte Wort umzuschreiben: Wer Visionen hat, gehört an die Börse!

Große Ideen entstehen im Kleinen – in Garagen, in Laboren und vor allem in Köpfen, die Probleme anders denken. Aktuell zeigt sich das im DeepTech-Bereich. Dort erleben wir eine Gründungswelle, die ausgehend von unserer herausragenden Forschungslandschaft und unserer starken industriellen Basis mit technologischen Durchbrüchen aus Visionen Realität werden lässt.

Allerdings kostet die erfolgreiche Skalierung disruptiver Technologien, wie etwa der Kernfusion oder der Produktion grünen Wasserstoffs, viel Geld. Den dauerhaften Zugang dazu kann die Frankfurter Börse bieten – und damit dazu beitragen, langfristig die Unabhängigkeit eines Unternehmens zu sichern. Gerade angesichts der aktuell herausfordernden geostrategischen Situation ist die Frage nach Abhängigkeiten schließlich wichtiger denn je.

Aber der Reihe nach.

Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 3.000 Start-ups gegründet. Eine gute Basis, doch das Steigerungspotenzial ist gewaltig. Das zeigt der Blick auf die gründungsrelevanten Studiengänge: 20 Prozent der Studenten dieser Fächer können sich eine Unternehmensgründung vorstellen. Gelänge es, dieses Potenzial zu heben, würde allein das eine Versiebenfachung der Gründungen in Deutschland bedeuten.

Finanzierung als Herausforderung

Die Herausforderungen am Weg dorthin fangen allerdings schon bei der Finanzierung an. In den allermeisten Fällen scheidet für Start-ups eine klassische Bankfinanzierung aus. Sie sind schlicht nicht bankable: Weder verfügen Gründerinnen und Gründer über die erforderlichen Sicherheiten, noch können sie Zinsen zurückzuzahlen. In den Anfangsjahren verfügen Start-ups selten über Umsatz. Im Vordergrund steht der Aufbau des Teams und die Entwicklung des Produkts. In dieser frühen Phase sind es Business Angels und Venture Capital-Fonds, die die Start-ups mit Eigenkapital unterstützen, Skalierung ermöglichen und im Gegenzug Anteile an dem Unternehmen erhalten.

In puncto Venture Capital hat sich in den letzten Jahren einiges getan, dennoch hinkt Deutschland international hinterher. In den USA wurden 2024 pro Kopf 510 Euro in Venture Capital in Start-ups investiert, in Frankreich waren es 108, in Deutschland lediglich 90. Gerade in der Wachstumsphase fehlt dieses Geld. Die Konsequenz: Häufig dominieren außereuropäische Investoren die großen Finanzierungsrunden deutscher Scale-ups in dreistelliger Millionenhöhe. Diese Investoren haben eines gemeinsam: Sie agieren Exit-orientiert. Und hier kommt die Börse ins Spiel.

Der IPO ist ein entscheidender Baustein im Kreislauf aus Innovation und Investition, im Idealfall befeuert er sich selbst. Bei einem Börsengang fließt investiertes Kapital an die frühen Investoren zurück und kann wieder neu investiert werden. Zugleich entstehen Erträge, die sich im Track Record eines VC-Fonds spiegeln und neue Fondsinvestoren anlocken. Vor allem aber dient der Börsengang Scale-ups als Instrument der Wachstumsfinanzierung, er ermöglicht ihnen den globalen Zugang zu Kapital. Das Wort “Exit” ist dabei mindestens irreführend. Denn anders als der Begriff vermuten lässt, handelt es sich dabei in den allermeisten Fällen um den Beginn eines neuen Kapitels einer unternehmerischen Erfolgsstory.

Mehr Chance als Risiko

Trotz all dieser Vorteile ist die Zahl der gelisteten Unternehmen in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren dramatisch gesunken. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Mit dazu beigetragen hat sicher die höhere Verfügbarkeit von Kapital aus dem Private-Bereich und die stark gestiegene Regulierung der öffentlichen Kapitalmärkte. Manche mag auch die erhöhte Visibilität abschrecken – und die damit verbundene Gefahr, ins Fadenkreuz aktivistischer Investoren zu geraten. Kuschelig ist es an der Börse sicherlich nicht.

In Summe überwiegen die tatsächlichen Chancen die möglichen Risiken. Das gilt in erster Linie für die Unternehmen selbst. Zugleich bietet die Börse auch der Breite der Bevölkerung die Möglichkeit, am wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen zu partizipieren. Nur nutzen wir dieses gewaltige Potenzial bei uns noch nicht – das zeigt nicht zuletzt unser Rentensystem. Es geht dabei nicht um die Neuauflage vermeintlicher Volksaktien, sondern um nicht weniger als die Frage, wie wir unsere Altersvorsorge kapitalgedeckt auf eine weitere Säule stellen und damit zukunftsfest machen.

Das mag angesichts der aktuellen politischen Diskussionen für manche wie eine Vision klingen. Aber damit ist man an der Börse ja gut aufgehoben.

Verena Pausder ist Unternehmerin, Investorin und Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands