Für die Deutsche Börse Group bedeutet Innovation Dialog – und nicht Disruption.
Die Deutsche Börse Group betreibt eines der modernsten Betriebssysteme der Weltwirtschaft. Wie sie das in einem strikt regulierten Umfeld schafft? Durch kluge, effiziente und vertrauensvolle Einbindung von Innovation.
Systemrelevante Institutionen bewegen sich oft in einem Zielkonflikt. Sie wollen Zukunft gestalten und Stabilität garantieren. Es geht ihnen um Effizienz, aber mindestens genauso wichtig ist das Vertrauen in ihre Systeme. Sie wollen Innovation vorantreiben und müssen zugleich deren Akzeptanz und Sicherheit gewährleisten.
In diesem Spannungsfeld agiert auch die Deutsche Börse Group. Kaum ein Markt adaptiert technologischen Wandel so rasant wie der für Kapital. Kaum ein Markt ist derart geprägt von unterschiedlichsten Akteuren, Wettbewerb und Regulation. Wer in diesem Umfeld nicht mithält beim Wandel, verliert den Anschluss. Wer beim Innovationswettrennen Fehler begeht, verliert Vertrauen. Die Deutsche Börse Group interpretiert Innovation daher als evolutionären und gemeinschaftlichen Prozess. Sie setzt auf Dialog statt Disruption, auf Transparenz und Tempo zugleich. Dafür schafft sie geschützte Experimentierfelder, in denen neue Technologien wie Cloud, Blockchain oder künstliche Intelligenz mehrere Testzyklen durchlaufen und erst nach enger Abstimmung mit Handelsteilnehmern, Aufsichtsbehörden und Kunden Schritt für Schritt implementiert werden.
Das Ergebnis ist eine effiziente Infrastruktur, auf die sich alle verlassen können. Innovation, die kein Vertrauen kostet, sondern neues schafft.
Am elektronischen Parkett
Der Morgen des 28. November 1997 zeigt, was dieses Verständnis von Innovation in der Praxis bedeutet. Um acht Uhr herrscht an diesem Tag wie üblich Gedränge am Parkett. Doch etwas ist anders: Im Hintergrund laufen Computer, übernehmen Orders, schließen Geschäfte ab. Zum ersten Mal ist der Handel an der Börse in Deutschland auch rein elektronisch über Computer möglich.
Es ist eine der wichtigsten Transformationen der Deutsche Börse Group, die sich an diesem Morgen vollzieht: der Wandel vom Parketthandel zum vollelektronischen Xetra-System. Zugleich markiert die Transformation keinen Bruch mit der Vergangenheit, sondern deren logische Kontinuität.
Bereits 1991 hatte die Deutsche Börse Group mit IBIS ein Vorläufersystem etabliert. Computer sammelten darin Aufträge, den entscheidenden Knopf drückte weiterhin ein Mensch. Marktteilnehmer konnten sich Stück für Stück an die neue Technologie gewöhnen, Vertrauen aufbauen, Prozesse adaptieren. Anfang 1996 startete die Entwicklung von Xetra – gemeinsam mit Aufsicht und Markt.
Seitdem setzt die Technologie Standards und entwickelt sich permanent fort. Zum Start ließen sich 109 Aktien über Xetra handeln, heute sind es knapp 1.200. Eine Orderbestätigung, die 1997 noch zwei Sekunden dauerte, braucht heute Bruchteile davon. In Europa deckt Xetra bei DAX-Werten inzwischen mehr als 70 Prozent des Aktienhandels ab.
Was passiert bei einem Erdbeben? Wie weit müssen eigene Rechenzentren auseinanderliegen? Wie häufig Datensätze gespiegelt sein? Solche Fragen standen lange im Mittelpunkt, wenn die Deutsche Börse Group ihr Geschäft ausbauen wollte. Auf ihrer Infrastruktur fußen Finanzmärkte, Sicherheit geht vor.
Als das Unternehmen 2018 begann, IT-Infrastruktur in die Cloud zu verlagern, verloren einige Fragen an Relevanz – dafür kamen vollkommen neue hinzu. Die Cloud bringt Flexibilität, schnelle Integration innovativer Dienste, Skalierbarkeit, Effizienz. Sie bedeutet Wettbewerbsfähigkeit – und zugleich, dass zentrale Daten und Anwendungen außerhalb des eigenen Hauses laufen.
Die Auflösung dieses Spannungsfeldes lag erneut nicht in einer großen Disruption. Stattdessen: methodische Testphasen, die gemeinsame Entwicklung von Regeln und Sicherheitsstandards mit Partnern wie SAP, Google und Microsoft sowie die Bildung und Leitung einer branchenweiten Collaborative Cloud Audit Group, am Ende die schrittweise Einbindung ins Geschäft.
Heute laufen mehr als 75 Prozent aller Arbeitsprozesse der Deutsche Börse Group in der Cloud. Entstanden ist eine cloudbasierte und regulatorisch tief eingebettete Infrastruktur, die schneller, verlässlicher und sicherer ist. Sie ermöglicht höhere Skalierbarkeit und höhere Sicherheitsstandards zugleich. Sie bildet die Grundlage für die Zukunft des Geschäftsmodells.
Wenige Klicks – und das digitale Wertpapier ist ausgegeben, gesichert und handelsbereit. Was früher Tage dauerte, geht auf der D7-Plattform von Clearstream, einer Tochter der Deutsche Börse Group, in Sekunden. Für Emittenten, die teilweise Wertpapiere im Millionenwert ausgeben, ein enormer Effizienzgewinn. Für sie stehen zwei Optionen bereit: das digitale Zentralregisterwertpapier, verwahrt in Clearstreams Cloud-Infrastruktur. Und, seit 2025, das tokenisierte Kryptowertpapier, dezentral und basierend auf der Blockchain.
Beide Varianten wurden gemeinsam mit unterschiedlichen Akteuren entwickelt, getestet, implementiert. Die ersten
Blockchain-Prototypen entstanden 2018 mit der Deutschen Bundesbank. Das elektronische Wertpapiergesetz eröffnete 2021 den rechtlichen Rahmen für digitale Wertpapiere – noch im selben Jahr wurden die ersten über D7 begeben. Die Basis für tokenisierte Wertpapiere legten 2024 erfolgreiche Tests während der ECB-Trials.
Ende 2025 wurden über D7 mehr als zwei Millionen digitale Emissionen im Wert von über 50 Milliarden Euro ausgegeben. Die neue Tokenisierungsplattform D7 DLT ermöglicht auch Investoren ohne eigene DLT die Teilnahme an tokenisierten Emissionen. Ab 2027 soll ein Großteil der von Clearstream verwahrten Vermögenswerte im Wert von rund 20 Billionen Euro tokenisiert werden. Der Weg Richtung Blockchain geht also weiter. Schritt für Schritt, dort, wo es sinnvoll ist, immer im Dialog mit den Marktteilnehmenden.
Intelligente Systeme, menschliche Kontrolle
Künstliche Intelligenz steckt in nahezu jeder Verästelung der Finanzmärkte und wird die Kernprozesse der Branche langfristig prägen. Die Querschnittstechnologie verspricht enorme Effizienzsprünge, muss sich aber in Sachen Vertrauen und Sicherheit noch beweisen. Umso wichtiger ist die richtige Balance im Umgang mit der Technologie.
Die Deutsche Börse Group verfolgt hierbei ihren bewährten Ansatz: strategische Klarheit, methodische Tests, breiter Dialog – und anschließend die schrittweise Integration ins Geschäft. In ihrer Strategie ist künstliche Intelligenz als zentraler Baustein definiert, das Ziel: AI Practitioner werden, Wirkung entfalten.
Gemeinsam mit strategischen Partnern, insbesondere Hyperscalern, entstehen in mehreren Projekten praxisrelevante Use Cases sowie die skalierbare AI-Plattform DAISY, die eine sichere und konforme Nutzung ermöglicht. Gleichzeitig wächst im engen Austausch mit Regulierungsbehörden und Branchenverbänden ein ganzheitliches AI-Rahmenwerk heran.
Erste konkrete Anwendungen sind bereits im Einsatz: Das Sicherheitsmanagement-Tool OSCAR optimiert für Kunden das Collateral Management, interne Chatbots unterstützen die Mitarbeitenden im Alltag. Die Deutsche Börse Group gestaltet auch diesen Wandel so, wie sie es immer tut – mit Appetit auf Innovation, aber mit Leitplanken statt Leichtsinn.