25 Jahre IPO


Ein Land entdeckt die Aktie

Klaus Brinkbäumer

Der IPO der Deutsche Börse Group hat das Verhältnis der Deutschen zum Finanzmarkt geprägt. Die Frage ist bloß: wie? 

Manchmal beginnt eine Geschichte beiläufig, und darum bemerken wir kaum, dass sie beginnt. Manchmal allerdings beginnt eine Geschichte auch mit einem Knall, mit großer Geste, einem Symbol.  

Die Deutsche Börse Group geht im Februar 2001 selbst an die Börse, und das Land wirkt, als wolle es sich neu erfinden. Auf dem Parkett stehen damals wenige Frauen und viele Männer, letztere in unterschiedlich gut sitzenden Anzügen, und Journalisten halten noch Diktiergeräte in die Luft, und in so manchen Gesichtern auf den 25 Jahre alten Fotos glaube ich einen Anflug von  Stolz zu sehen, der ein bisschen trotzig wirkt. Als würde die Bundesrepublik Deutschland sagen: Seht endlich her, wir können das auch, wir sind nämlich ein Finanzplatz. So verdammt modern. So weltläufig.  

Bereit für die Zukunft, was immer das bedeuten wird. 

Als die Deutsche Börse Group ihr Debüt gibt, ist die Euphorie der Telekom-Ära nicht mehr groß, aber auch noch nicht verschwunden; mein Vater hatte wie so viele Deutsche dem werbenden Manfred Krug vertraut und mit dem Kauf und dann mit dem Zukauf von Telekom-Aktien den Umstieg vom Sparbuch in die Zukunft gewagt.  

Crashkurs im Kapitalismus 

Als die Deutsche Börse Group nun also dieses Debüt gibt, ist der Neue Markt in einer Krise, aber noch nicht entzaubert, und in den Reihenhäusern unserer Vorstädte sprechen Menschen über Kurs-Gewinn-Verhältnisse, als wär’s die Bundesliga-Tabelle. Denn es sind die Tage des großen deutschen Aufbruchs in die Welt der Aktien, ein Crashkurs in modernem Kapitalismus – im doppelten Sinne. 

Denn dann geht es erst einmal abwärts.  

Start-ups, die vor wenigen Monaten noch als revolutionär und superschlau und darum als todsicher galten, kollabieren wie Pappkulissen im Hamburger Regen. Ich erinnere mich, wie bewundernd mein Vater und ich gerade noch über ComROAD und den Gründer Bodo Schnabel gesprochen hatten, natürlich auch über EM.TV und die Haffa-Brüder. Nun nicht mehr. Wir sprechen stattdessen über Größenwahn. Der gerade noch schillernd neue Nemax schafft am 9. Oktober 2002 noch 318 Punkte, was bedeutet, dass er in 31 Monaten 96 Prozent seines Werts verloren hat. Und auf einmal stehen Investoren wie mein Vater wie Träumer da, wie Menschen nämlich, denen niemand gesagt hat, dass Aktienkurse nicht nur steigen; und dass „Risiko“ nicht lediglich ein kleingedrucktes Wort in Bankprospekten ist. 

Es sind, in der Rückschau, die Monate und Jahre, in denen die Deutschen zwei Dinge gleichzeitig lernen: wie aufregend, wie fantasievoll, wie klug Aktien sein können; und wie sehr Aktien wehtun können, wenn man sie zu früh oder zu spät oder vertrauensselig umarmt.  

Der IPO der Deutsche Börse Group markiert deshalb nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine psychologische Zeitenwende: Deutschland betritt die Finanzmärkte wie … wie … wie ein älterer Herr, der jahrelang vom Strand aus all den Glücklichen dort im Wasser zusah, sich endlich also auch in die Ostsee wagt – und dort einen Wadenkrampf bekommt. 

Manch einer folgert daraus, dass er wieder ans Ufer zurückkriechen wolle. Man redet  jetzt nicht mehr über Aktien, so wie man nach einer peinlichen Nacht ja auch nicht mehr über den zu späten letzten Wodka spricht. Manches Depot verstaubt, und die vielen Börsenmagazine verschwinden wieder aus den Kiosken. Mein Vater verkauft seine Telekom-Aktien, die zu T-Mobile-Aktien geworden sind, mit Verlust. Doch etwas bleibt: ein Rest Faszination und auch diese Ahnung, dass die Welt sich weiterdrehen wird, ganz egal, ob wir mitmachen oder nicht. Mein Vater kauft Deutsche Börse Group, Münchner Rück und Deutsche Bank.  

Es kommt dann noch einmal heftiger.  

Ich bin 2008 Korrespondent in New York und würde gern über den neuen Präsidenten Barack Obama schreiben, schreibe stattdessen über Richard Fuld und den Kollaps von Lehman Brothers, damit schon wieder über Größenwahn.  

Lehmann fällt, Vertrauen schwindet 

Man kann über die deutsche Skepsis gegenüber den Märkten ja nicht erzählen, ohne dieses Datum zu erwähnen, das die moderne Finanzgeschichte prägt: den 15. September 2008. An diesem Morgen verschwindet Lehman Brothers aus der Welt, und mit Lehman verschwindet das Vertrauen, auf dem die globalisierte Ökonomie beruht. Milliarden lösen sich auf, Notenbanken schwanken, Volkswirtschaften knicken ein. Für einen Moment ist der Glaube beschädigt, der Westen habe ein letztgültiges Wirtschaftssystem geschaffen, und die westliche Demokratie habe den Wettstreit der Systeme gewonnen.  

Dass Lehman fällt, gilt in New York und Washington heute als politisches Versagen – eine Fehlentscheidung, die dort düsterer bewertet wird als die Invasion der Schweinebucht und als ungefähr so folgenreich wie der Irakkrieg. In 48 Stunden entscheidet sich damals, ob Regierungen bereit sind, ein global vernetztes Finanzsystem vor sich selbst zu schützen.  

Und die Folgen sind enorm: Es gibt Verstaatlichungen, explodierende Staatsschulden, eine weltweite Rezession. Es ist kein Zufall, dass seit 2008 an vielen Orten und immer wieder von „systemrelevanten“ Banken, von Rettungsschirmen und vom Risiko staatlicher Zahlungsunfähigkeit gesprochen wird. All das beginnt mit Lehman. 

Mich fasziniert, damals in New York, das Duell zweier Männer. Da ist jener Richard Fuld, genannt „Gorilla“, und da ist Henry Paulson, der Finanzminister der Bush-Regierung. Der eine ist getrieben vom Glauben an seine Bank, an sein Lebenswerk; der andere von der Furcht, ein Präzedenzfall staatlicher Rettungen könne das gesamte System korrumpieren. Die Kollision dieser beiden Figuren an jenem Wochenende ist mehr als ein persönlicher Konflikt – es ist der Moment, in dem politische Macht und private Finanzmacht aufeinanderprallen. 

Jener Richard Fuld ist ein Kerl, wie ihn selbst die an Extravaganzen und Allüren durchaus gewöhnte Wall Street selten gesehen hat: ein Aufsteiger ohne Ivy-League-Glanz, ein Typ, der 1969 als Buchhalter bei Lehman anfing, im Morgengrauen kam und spät in der Nacht ging, furchtlos und ehrgeizig genug, um 23 Abteilungen zu führen, ehe er 40 Jahre alt ist. Ein exzellenter Händler, das sagen mir diejenigen, die ihn kennen, einer, der „Geschäfte roch“, wie der Lehman-Banker Michael Petrucelli es formuliert. Aber Fuld kämpft mit Menschen und spricht ungern; lieber steuert er Geld. Sein Gesicht schimmert im grünlichen Licht seines Bildschirms, während er seine berüchtigten „Ratatat-Calls“ durchgibt – Entscheidungen in Sekunden, und natürlich geht es um Millionen und Milliarden, bewegt wie Gewehrsalven. 

Richard Fuld nennt sich „Lehman lifer“, lebenslänglich Lehman, als sei diese Bank mindestens Schicksal, eher noch Gottes Werk. Es gibt Regeln in diesem Haus: keine Jeans, keinerlei Sympathie für Goldman Sachs, absolute Erreichbarkeit, immer. Lehman, 1850 von drei deutschen Brüdern in Alabama gegründet, ist für Fuld weniger Institution als Identität. Und umso rasanter ist der Fall, als sich die Türen jetzt schließen und die Bildschirme erlöschen. 

Schon wieder im Sturm 

Die Finanzkrise trifft Deutschland wie eine zunächst ferne Naturkatastrophe, deren Wellen mit einiger Verzögerung das eigene Haus erschüttern. Denn was als durchaus exklusives Problem eines entfesselten Wall-Street-Kapitalismus erschien, erweist sich als untrennbar verbunden mit unseren Kommunen, Kreissparkassen, Mittelständlern. Städte wie Pforzheim oder Hagen verlieren Millionen mit Zinswetten, als hätten sie heimliche Hedgefonds geführt. Banken schwanken, werden von Regierungen gerettet, und ausgerechnet die Deutschen, die glaubten, durch moralische Distanz geschützt zu sein, stehen schon wieder im Sturm. 

Ja, wir sehen es bestätigt: Märkte können gefährlich sein, unberechenbar, unfair. Gleichzeitig wird uns klar, dass wir uns nicht abkoppeln können, ganz egal, wie viele Leitartikel wir über „den guten alten ehrlichen Mittelstand“ schreiben. Vorerst bleiben wir unentschlossen: Wer investiert, gilt als Zocker; wer spart, ist tugendhaft, aber auch weltfremd. So widersprüchlich denken nur wir, ich kenne keine andere Nation, deren Bürger so wie wir zugleich hadern und sehnsüchtig sind und sich gleichermaßen neidisch wie empört darüber wundern, dass amerikanische Familien ein Vielfaches an Vermögen besitzen. 

Und dann tut sich etwas, zunächst leise und zögerlich, dann pointiert und sichtbar: Die Nullzinsen fressen das Sparbuch auf; die Riester-Rente rentiert sich nicht; die Inflation steigt. Und nun, klug geworden und damit ein wenig kühler, kenntnisreicher, vielleicht sogar professionell, kehren die Deutschen zurück an die Märkte. Sie beobachten. Sie planen. Sie streuen. ETFs werden populär, Depots mit Millionen werden zu Depots mit zweistelligen Millionen, und darüber wird geredet. Menschen, die früher Anlageformulare wie Steuerfallen behandelten, halten mittlerweile Indexfonds für so selbstverständlich wie Stromverträge. 

Finanzen? Ganz normal! 

Heute wissen wir, wie sehr der IPO der Deutsche Börse Group als Antrieb, als symbolischer Moment im Hintergrund wirkte. Er brachte etwas in Gang.  

Eine Nation begann über das Verhältnis von Bürger und Markt zu debattieren und damit auch über die Frage, ob Kapitalmärkte etwas sind, dem wir ausgeliefert sind; oder ob wir die Märkte womöglich sogar gestalten können. Darauf folgte die nächste Frage: Wollen wir uns der Weltwirtschaft öffnen oder lieber so tun, als schütze uns moralische Reinheit?   

Nur wenige Deutsche betrachten die Börse noch immer als Ort, an dem sich entweder Gauner tummelten oder Genies, aber niemals normale Menschen. Die meisten denken inzwischen anders: Sie sind in der Normalität der Finanzwelt angekommen und haben verstanden, dass Märkte ein Teil unseres Alltags sind, nicht die Bühne eines permanenten Dramas. 

Der Börsengang der Deutschen Börse  Group war kein deutscher Wall-Street-Moment. Er war der Versuch, Anschluss zu finden an eine Welt, die schneller, riskanter, globaler war als das, was wir gewohnt waren. Und natürlich ging dann manches schief. Aber dieser Börsengang hat etwas in Bewegung gesetzt, das wir erst heute verstehen. 

Ohne ein Mindestmaß an Risikokultur gibt’s halt weder Innovation noch Sicherheit. Wir wissen heute, dass Aktien nicht nur unvermeidbar sind, sondern so sinnvoll wie effektiv. Wir haben gelernt, per Smartphone und zum Nulltarif ETFs zu kaufen, Sparpläne anzulegen und nachmittags mit unserem Kaffeebecher auf einer Bank im Park zu sitzen, während wir geduldig unser Depot betrachten. 

Anders gesagt, nach Telekom-Euphorie und Lehman-Schock, nach den Jahren der Vorsicht, des Übermuts und jenen der Einsicht stehen wir heute wieder am Rand der Ostsee.  

Wir rennen nicht, wir springen nicht, wir kriegen keinen Krampf.  

Wir gehen schwimmen.  

Klaus Brinkbäumer, ehemaliger SPIEGEL-Chefredakteur und MDR-Programmdirektor, ist Filmemacher, Podcast-Moderator, Medienunternehmer und Buchautor (zuletzt „Zeit der Abschiede“ bei C.H.Beck).