25 Jahre IPO


Digitalisierung im Praxistest

Stefan B. Wintels

Wie Blockchain, die Deutsche Börse Group und die KfW die Digitalisierung des Kapitalmarkts vorantreiben

Die Digitalisierung der Finanzmärkte schreitet mit großen Schritten voran. Sie ist von zentraler Bedeutung, um Transaktionen effizienter zu machen, die Transparenz des Kapitalmarktes zu erhöhen und innovativen Finanzdienstleistungen den Weg zu ebnen. Bislang waren die Möglichkeiten einer Automatisierung und Prozessoptimierung im Kapitalmarkt aber vor allem durch isolierte Datensysteme begrenzt.

Mit der Anwendung neuer Technologien, insbesondere der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) – vereinfacht: einer gemeinsam genutzten, unveränderbaren Datenbank –, entsteht die Möglichkeit, Wertpapierprozesse vollständig digital abzubilden und redundante Zwischenschritte zu reduzieren. 

Ein Meilenstein, um die technischen Möglichkeiten digitalisierter Finanzmärkte praktikabler zu machen, war in Deutschland die Einführung des Gesetzes über elektronische Wertpapiere (eWpG) im Jahr 2021. Es eröffnete erstmals den Weg zur vollständigen Ablösung physischer Wertpapierurkunden und wurde zum Katalysator für Digitalisierungs- und Innovationsinitiativen. Gleichzeitig war das eWpG der nächste logische Schritt in der seit den 1980er Jahren fortlaufenden Evolution der Marktinfrastruktur. 

Die Brücke zum Ziel

Das eWpG etabliert zwei Kategorien elektronischer Wertpapiere: das Zentralregisterwertpapier auf Basis etablierter Technologien und das Kryptowertpapier, das die Anwendung neuer Technologien wie DLT ermöglicht. Das Wahlrecht des Emittenten, ob ein Wertpapier als Urkunde oder digital erstellt wird, schafft den Übergang vom heutigen System hin zu einem vollständig digitalisierten Wertpapierhandel. 

Die KfW gestaltet diesen Wandel als Marktentwicklerin aktiv mit: 

  • Als zentrale Akteurin in digitalen Marktstrukturen hat die KfW erfolgreich die Transformation hin zum Zentralregisterwertpapier vollzogen. Nach einer ersten Pilotemission im Jahr 2022 hat sie die Ausgabe elektronischer Wertpapiere seit 2024 sukzessive skaliert. Ab 2025 werden alle EUR-Benchmarkanleihen als Zentralregisterwertpapiere ausgegeben. Über Clearstreams D7-Plattform, eine vollständig digitale Infrastruktur, hat die KfW bereits Anleihen im Gesamtwert von mehr als 30 Milliarden Euro als Zentralregisterwertpapiere emittiert – eine Erfolgsgeschichte für den digitalen Kapitalmarkt in Deutschland. D7 zeigt, wie automatisierte Abläufe die Abwicklung beschleunigen, Risiken reduzieren und zugleich neue Effizienzpotenziale erschließen. 
  • Parallel dazu baut die KfW ihre Expertise rund um Kryptowertpapiere konsequent aus. Im Juli 2024 wurde die erste Blockchain-basierte digitale Anleihe emittiert, im August folgte eine weitere Transaktion mit Fokus auf die Zahlungsabwicklung. Solche Pilotprojekte helfen, technische und rechtliche Fragen zu klären und Vertrauen in die Nutzung von DLT zu stärken. Sie zeigen auch, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit DLT künftig breiter eingesetzt werden kann.  Gemeinsam mit KPMG hat die KfW zudem ein Papier veröffentlicht, das die Erkenntnisse und Erfahrungen zu diesem Thema bündelt und an dem auch eine Vielzahl der beteiligten Projektpartner mitgewirkt hat. Seit 2025 rückt nun die Anlegerperspektive stärker in den Fokus: Die KfW beteiligt sich an DLT-Emissionen anderer Institute, etwa dem digitalen Pfandbrief der Berlin Hyp oder der DLT-basierten Anleihe der NRW.BANK. Ergänzend fließen Erkenntnisse aus der Schweiz ein, wo bereits mit DLT-fähigem Zentralbankgeld gearbeitet wurde.

Zentrale Voraussetzungen für die Nutzbarkeit DLT-basierter Wertpapiere

Der volle Nutzen DLT-basierter Wertpapiere entsteht nur, wenn alle Prozessschritte – von der Emission bis zur Abwicklung – nahtlos ineinandergreifen. Dafür braucht es eine Vielzahl von Gelingensbedingungen. Ich möchte exemplarisch auf zwei davon eingehen: 

1. Einheitliche Standards und Datenmodelle: Nur wenn alle dieselbe „Sprache“ nutzen, lassen sich Prozesse zuverlässig automatisieren. Die von Clearstream und Euroclear entwickelte Issuance & Processing Taxonomy (IPT) setzt hier zentrale Impulse und soll um eine DLT-Komponente ergänzt werden.

2. Offene und marktneutrale Plattformen: Es braucht interoperable Infrastrukturen, die europaweit verschiedenen Marktteilnehmern offenstehen und technologische Souveränität stärken. Projekte wie Regulated Layer One (RL1) leisten insofern einen entscheidenden Beitrag zur Stärkung der digitalen Souveränität Europas.

Die Zeichen in Europa stehen eindeutig auf Fortschritt: DLT und Tokenisierung sind im Kapitalmarkt keine kurzfristigen Trends, sondern werden den Finanzsektor nachhaltig prägen. Die Europäische Zentralbank arbeitet an Konzepten, um DLT-basierte Wertpapiere künftig in Zentralbankgeld abzuwickeln, wie die jüngsten Initiativen Pontes und Appia belegen. Auch die europäische Wertpapieraufsicht ESMA bestätigt in ihrem Statusbericht die Relevanz des EU DLT Pilot Regimes und empfiehlt Maßnahmen zur dauerhaften Verankerung. Die Europäische Kommission bindet Marktakteure aktiv im Rahmen der Savings and Investment Union ein und fördert offene Konsultationen zu DLT und Tokenisierung.

Ein besonders starkes Marktsignal kommt von der Deutsche Börse Group und Clearstream: Bis Ende 2026 sollen ihre Assets under Custody im Wert von rund 20 Billionen Euro sukzessive tokenisiert werden – ein Anstoß, der die Marktadoption von DLT entscheidend beschleunigen kann.

Der Ausbau DLT-basierter Finanzmärkte ist schon heute weit mehr als eine bloße technologische Innovation. Er schafft Transparenz, Effizienz und Geschwindigkeit – und ist damit zentraler Baustein digitaler Souveränität und eines modernen europäischen Kapitalmarktes. Die KfW begreift diesen Wandel als Chance sowie gleichzeitig als Auftrag, die Digitalisierung des Kapitalmarktes aktiv zu gestalten und das erforderliche Ökosystem mit etablierten und neuen Marktteilnehmern zu entwickeln. Die Zukunft des europäischen Kapitalmarktes ist digital, interoperabel und resilient – die Zeit zu handeln ist jetzt.

Stefan B. Wintels, Vorstandsvorsitzender der KfW