25 Jahre IPO


Die tragende Säule

Dr. Paul Achleitner

Deutschland muss massiv investieren und zugleich seine Rentenlücke schließen. Der Kapitalmarkt könnte bei beidem helfen.

Deutschland steht bekanntermaßen vor massiven Herausforderungen: Einerseits müssen wir unser Land auf die Zukunft ausrichten – ökologisch, digital, technologisch. Andererseits müssen wir das Versprechen sozialer Sicherheit erneuern, das über Jahrzehnte den gesellschaftlichen Zusammenhalt getragen hat. Und wir müssen die Sicherheit des Landes auch militärisch garantieren können. Dies alles erfordert erhebliche finanzielle Mittel, die nicht länger allein aus staatlichen Haushalten oder Umlagesystemen bestritten werden können. Der Kapitalmarkt – traditionell in Deutschland unterschätzt – kann hier eine tragende Rolle spielen.

Investitionsstau trifft auf Rentenlücke

Die deutsche Volkswirtschaft investiert seit Jahren zu wenig. Der Modernisierungsbedarf in Infrastruktur, Energieversorgung, Bildung, Digitalisierung und Verteidigung beläuft sich nach Schätzungen verschiedener Institute auf mehr als 500 Milliarden Euro bis 2030. Private Investitionen, insbesondere in forschungsintensive und technologiegetriebene Unternehmen, bleiben ebenfalls hinter dem internationalen Vergleich zurück. Während in den USA oder Skandinavien Wagnis- und Wachstumskapital wesentliche Triebfedern der Innovation sind, dominiert in Deutschland nach wie vor die Kreditfinanzierung. Das führt zu einer strukturellen Unterfinanzierung junger, skalierungsfähiger Unternehmen – und damit zu einem Verlust an Dynamik.

Gleichzeitig gerät das umlagefinanzierte Rentensystem unter Druck. Der demografische Wandel wirkt unerbittlich: Immer weniger Erwerbstätige müssen immer mehr Rentenempfänger finanzieren. Schon heute fließen über 100 Milliarden Euro pro Jahr an Bundeszuschüssen in die Rentenkasse – Tendenz steigend. Das Modell der reinen Umlage stößt an seine ökonomischen Grenzen. Ohne strukturelle Reformen drohen entweder steigende Beiträge, sinkende Renten oder höhere Schulden. Ein nachhaltiges Konzept muss daher eine kapitalgedeckte Komponente enthalten, die langfristig Erträge aus produktiven Investitionen generiert.

Beide Probleme – das Investitionsdefizit und die Rentenlücke – sind im Kern Ausdruck derselben Schwäche: der unzureichenden Nutzung von Kapitalmärkten. Deutschland verfügt über enorme Sparvermögen, die jedoch größtenteils unproduktiv in Bankeinlagen oder kurzfristigen Anleihen liegen. Wenn es gelingt, einen Teil dieser Mittel gezielt über den Kapitalmarkt in Zukunftsprojekte zu lenken, lassen sich zwei Ziele gleichzeitig erreichen: Investitionen in Wachstum, Innovation und Sicherheit werden ermöglicht, und die Erträge dieser Investitionen fließen als Renditen in die Altersvorsorge zurück.

Der Kapitalmarkt als Bindeglied

Ein entwickelter Kapitalmarkt ist also nicht Selbstzweck, sondern Infrastruktur für wirtschaftliche Erneuerung ebenso wie für soziale Stabilität. Institutionelle Anleger wie Pensionsfonds und Lebensversicherer könnten dabei als langfristige Kapitalgeber agieren, wenn geeignete Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Damit dies gelingt, müssen strukturelle Hürden abgebaut werden. Deutschland braucht erstens eine tiefere Eigenkapitalkultur – sowohl bei privaten Anlegern als auch bei institutionellen Investoren. Zweitens muss der regulatorische Rahmen angepasst werden, um langfristige Beteiligungen attraktiver zu machen. Drittens bedarf es eines politischen Signals, dass Kapitalmarktentwicklung als Bestandteil einer nationalen Transformationsstrategie verstanden wird, nicht als Nebenprodukt.

Die Diskussion über eine Aktienrente ist ein wichtiger Impuls, reicht aber nicht aus. Was nötig ist, ist ein systematischer Aufbau kapitalgedeckter Vorsorge – etwa über unabhängige, staatlich mandatierte Fonds, die professionell gemanagt werden und in ein breites Portfolio investieren. Entscheidend ist, dass diese Fonds nicht dem kurzfristigen politischen Zugriff unterliegen, sondern nach klaren, langfristigen Prinzipien agieren.

Ein neuer Konsens

Deutschland hat lange von Stabilität, industrieller Stärke und Exporterfolgen gelebt. Künftig wird unsere Wettbewerbsfähigkeit auch davon abhängen, wie wir Kapital mobilisieren und in Produktivität umwandeln. Das erfordert einen neuen gesellschaftlichen Konsens: Sparen darf nicht länger Passivität bedeuten, sondern Beteiligung. Altersvorsorge darf nicht als Belastung verstanden werden, sondern als Teil einer produktiven Kapitalstrategie.

Der Kapitalmarkt ist kein Selbstzweck und keine Bedrohung. Er ist ein Werkzeug, um Ressourcen dorthin zu lenken, wo sie die größte Wirkung entfalten – für Innovation, Beschäftigung und Wohlstand. Wenn Deutschland diese Perspektive annimmt, kann der Kapitalmarkt zur tragenden Säule einer zukunftsfähigen Wirtschafts- und Sozialordnung werden.

Dr. Paul Achleitner ist Investor und Mitglied in diversen Aufsichts- und Beiratsgremien. Von 2012 bis 2022 war er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutsche Bank AG und von 2000 bis 2012 Finanzvorstand der Allianz SE. Ab 2000 war er Mitglied der Börsensachverständigenkommission beim Bundesministerium der Finanzen, deren Vorsitzender er ab 2009 bis zu seinem Ausscheiden 2019 war.