Prof. Anne-Marie Beckmann
Die Fotosammlung der Deutsche Börse Photography Foundation ist ein künstlerischer Einspruch gegen das Gewohnte. Ein Plädoyer für die Kraft des Unbequemen.
Die Auseinandersetzung mit Kunst im unternehmerischen Kontext mag auf den ersten Blick überraschen, ist aber längst kein Ausnahmefall mehr – insbesondere in der Finanzdienstleistungsbranche. Ob durch eigene Sammlungen, gezielte Förderprogramme, Messeauftritte oder kulturelle Veranstaltungen: Viele Akteure zeigen deutliche Präsenz in diesem Sektor und haben teilweise beachtliche Sammlungen zusammengetragen.
Der Deutsche Börse Group dient die Förderung zeitgenössischer Fotografie weder als strategisches Beiwerk noch als dekorative Kapitalanlage. Vielmehr spiegelt sich darin eine tief in der Unternehmenskultur verankerte Haltung, die von Neugierde und Offenheit geprägt ist. Die Deutsche Börse Photography Foundation sammelt, zeigt und fördert künstlerische Positionen, die sich nicht in ästhetischer Harmonie erschöpfen, sondern Fragen stellen: zur Identität, zur Macht der Bilder, zur Konstruktion von Wirklichkeit. In einer Zeit, in der visuelle Kommunikation zur dominanten Sprache geworden ist, wird Fotografie zum Medium der Reflexion.
Dieses Bekenntnis spiegelt sich etwa unmittelbar im Unternehmenssitz der Deutsche Börse Group in Eschborn. Die Kunst ist hier, im Foyer des ‚Cube‘, nicht zu übersehen, die Eingangshalle dient gleichzeitig als kontinuierlich bespielter Ausstellungsraum. Schweift der Blick nach oben, im 20 Stockwerke hohen Foyer, dann begegnet man auch dort überall den Werken der Art Collection.
Nährboden unternehmerischer Identität
Die Sammlung, die seit 1999 kontinuierlich aufgebaut wurde, umfasst heute über 2.400 Werke von rund 170 Künstler*innen, von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis heute. Sie versteht sich als kuratorisch durchdachtes Archiv der Vergangenheit und Gegenwart – mit einem Fokus auf die „conditio humana“, die Bedingungen und Herausforderungen des menschlichen Daseins in einer komplexen Welt. Die Fotografien laden dazu ein, die Welt mit den Augen der Künstler*innen zu betrachten und das wahrzunehmen, was wir sonst nicht sehen können, oder wollen. Große Namen tauchen in Sammlung ebenso auf wie unbekannte. Aus 40 Nationen und unterschiedlichen Generationen stammen die Künstler*innen der Sammlung, deren Themen so vielfältig sind wie ihre Bildsprachen. Der Auftrag, museale Qualität zu sammeln, dient hier nicht als Floskel, sondern als Programm. Gleichzeitig feiert die Sammlung die Schönheit und Ästhetik, die dem Medium zugrunde liegt und seine unerschöpfliche visuelle Kraft.
Der Wertbeitrag, den Kulturförderung leisten kann, liegt in der Regel weniger im finanziellen Bereich als im ideellen, gesellschaftlichen und ästhetischen. Kulturelles Engagement bietet die Chance, eine einzigartige Unternehmenskultur und -identität zu schaffen, die nach Innen und nach Außen wirkt. Dies gelingt jedoch nur, wenn Parameter wie Qualität, Langfristigkeit, Glaubwürdigkeit, Eigenständigkeit, Verankerung in der Belegschaft und die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung erfüllt werden. Insbesondere Letztere setzt voraus, dass die manchmal unbequeme Reflexion über gesellschaftliche Strukturen, über Macht und Sichtbarkeit zugelassen wird.
Was als Sammlung begann, ist heute ein kulturelles Statement mit internationaler Strahlkraft. Die Deutsche Börse Photography Foundation, 2015 als gemeinnützige GmbH gegründet, bündelt das Engagement für die Fotografie der Deutsche Börse Group und verleiht ihm eine klare programmatische Kontur. Mit ihrem vielfältigen Ausstellungsprogramm, der Förderung des wissenschaftlichen Dialogs und insbesondere der Unterstützung von Talenten versteht sich die Foundation vor allem als Ort der Begegnung und des Diskurses, an dem Fotografie nicht nur betrachtet, sondern verstanden, diskutiert und weitergedacht wird.
Ambivalenter Denkraum statt bloßer Dekoration
Das Engagement der Deutsche Börse Group für Fotografie ist außergewöhnlich, weil es der Kunst Raum gewährt – viel Raum – physisch und inhaltlich. Es ist ein Engagement, das sich nicht über Prestige definiert, sondern über Haltung. Eine Haltung, die Ungewohntes nicht als Bedrohung sieht, sondern als Möglichkeit. Die Brüche nicht glättet, sondern sichtbar macht. Die Kunst nicht als Dekoration versteht, sondern als Denkraum.
In einer Welt, die nach Klarheit verlangt, lässt die Deutsche Börse Group Ambivalenz zu. In einer Zeit, die nach Effizienz strebt, investiert sie in Bedeutung. Und in einem Markt, der nach Sicherheit sucht, fördert sie das Ungewisse. Das ist nicht nur mutig – es ist klug. Denn ein kulturelles Engagement, das Irritation und Brüche zulässt, ist Ausdruck von Souveränität.
Prof. Anne-Marie Beckmann ist Kunsthistorikerin und Direktorin der Deutsche Börse Photography Foundation. Sie hat zahlreiche Ausstellungen kuratiert und verantwortet seit 1999 den Aufbau der Art Collection Deutsche Börse. An der Hochschule für Gestaltung in Offenbach lehrt sie als Honorarprofessorin Fotografie und Kuratorische Praxis.