25 Jahre IPO


Die Goldene Dekade: Europas Vision umsetzen

Dr. Othmar Karas

Die Deutsche Börse Group richtet in diesem Jubiläumsbuch den Blick zurecht in die Zukunft, verlangt nach einer Vision, nach einer Idee, nach der alle streben. Ich denke nicht, dass es eine neue Vision und neue Ideen braucht – es braucht den Willen, die Mittel, die Kraft, den Mut, alles, was am Tisch liegt, zu sortieren, zu priorisieren und umzusetzen. Nicht neue Schlagworte, sondern verlässliche Schritte. Nicht große Ankündigungen, sondern Ergebnisse, die Vertrauen schaffen.

Das sage ich als jemand, der ein Vierteljahrhundert im Ausschuss für Wirtschaft und Währung des Europäischen Parlaments mitarbeiten durfte. Der eigene Börsengang der Deutschen Börse AG vor 25 Jahren erinnert mich an meine 25 Jahre im Parlament – an Begegnungen, an konstruktive Gespräche, an den Wert einer starken Marktinfrastruktur.

Heute richtet die Deutsche Börse erneut den Blick nach vorne und schöpft aus Erfolgen Kraft: Europas Zukunft ist untrennbar mit einem vertieften Kapitalmarkt und einem Investitionsturbo in Innovation verbunden. Das eine wird ohne das andere nicht sein.

Manchmal tut es gut, sich vor dem Feiern zu besinnen. Wir leben heute in einem Europa, dessen Binnenmarkt Hunderte Millionen Menschen verbindet, dessen Rechtsstaatlichkeit und Wettbewerbskraft Maßstäbe setzen. Der Euro ist eine Erfolgsgeschichte und die zweitwichtigste Währung der Welt; doch Geldpolitik allein ersetzt nicht die Vollendung der Wirtschafts  und Währungsunion. Entscheidend ist jetzt die Umsetzungsfähigkeit: „Entschlossenheit, Solidarität, mitunter etwas Wagemut“ – die alte Wahrheit von Jacques Delors bleibt aktuell.

Wir wissen, was zu tun ist

Europa krankt nicht am Mangel an Konzepten, sondern am Mangel an Umsetzung. Wir wissen, was zu tun ist: Die Kapitalmarktunion vollenden, die Banken- und Investitionsunion schlüssig zusammendenken, den Binnenmarkt entfesseln, Fragmentierung abbauen, Mehrheitsentscheidungen stärken. Weg mit dem Blockade- und Erpressungsinstrument der Einstimmigkeit – hin zu handlungsfähiger, demokratisch legitimierter Mehrheitsbildung.

Der Letta-Bericht hat dafür ein politisches Koordinatensystem beschrieben: Geschwindigkeit, Sicherheit, Solidarität – und eine „fünfte Freiheit“ für Wissen, Forschung, Innovation. Der Draghi-Bericht mahnt uns, die Produktivitäts- und Investitionslücke zu schließen, nicht kleinteilig, sondern mit strategischem Maßstab.

Beide sagen nicht: erfindet Europa neu. Sondern: Baut endlich das Europa „fertig“, das auf dem Tisch liegt. Nicht Subventionen als Dauerersatz für Strukturreformen, sondern tiefe, integrierte Kapitalmärkte. Nicht nationale Insellösungen, sondern europäische Skalierung in Bereichen wie der Finanzierung, Energie oder digitaler Infrastruktur. Nicht Misstrauen gegenüber Kapital, sondern klare Regeln, starke Aufsicht und verlässliche Anreize, die Ersparnisse der Bürgerinnen und Bürger in europäische Zukunftsprojekte lenken.

Hier liegt die Rolle der Deutsche Börse Group: Sie ist kein Selbstzweck, sondern öffentliche Infrastruktur im Dienste des Gemeinwohls. Sie steht für Verlässlichkeit in der Preisfindung, Tiefe in der Liquidität, Offenheit für Innovation, Schutz für Investoren. Je besser Europa „Sparen!“ in „Investieren!“ übersetzt, desto schneller beschleunigen wir Transformation, Wettbewerbsfähigkeit und sozialen Zusammenhalt.

Keine Vision, sondern ein klarer Pfad

Wer Europa 2051 denkt, braucht keine neue Vision, sondern einen klaren Pfad: Ein Binnenmarkt, der Dienstleistungen wirklich freisetzt; eine Spar- und Investitionsunion, die Wachstum und Resilienz finanziert; eine Energie- und Digitalunion, die Kosten senkt und Skalierung ermöglicht; eine politische Union, die nach außen als verlässlicher Partner, nach innen als Garant der Freiheit handelt.

Diese Maßnahmen werden keine Welle der Euphorie auslösen, aber sie werden überzeugend im Ergebnis sein: mehr Chancen für Gründer, mehr Langfristkapital für Innovation, mehr Sicherheit für Arbeitnehmer, mehr Souveränität für Europa.
Ich habe in Brüssel gelernt: Europa scheitert nicht an der Zieldefinition, sondern an der Ziellinie. Wir starten mit Elan und bremsen kurz vor dem Durchbruch. Die Beispiele sind immer die gleichen. Der Binnenmarkt ist bis heute nicht fertig – fragmentiert und überbürokratisiert. Milliarden an privatem Kapital liegen am Sparbuch oder werden außerhalb Europas investiert. Ohne Spar- und Investitionsunion haben wir zu wenig Geld, um die notwendigen, geplanten und versprochenen Zukunftsprogramme zu finanzieren.

Lassen Sie uns das in der nächsten Dekade anders machen. Die Deutsche Börse Group feiert die „silberne Hochzeit“ mit der Börse – machen wir daraus eine goldene Dekade für Europas Kapitalmarkt. Die Voraussetzungen, Ideen und Pläne dafür hätten wir.
 

Dr. Othmar Karas war von 1999 bis 2024 Abgeordneter und zuletzt auch Erster Vizepräsident des Europäischen Parlaments. 25 Jahre war Karas Mitglied des Wirtschafts- und Währungsausschuss des EU-Parlaments. Dort wirkte er vor allem als führender Gestalter der heute gültigen Finanzmarktregulierung. Karas war Chefverhandler für die Bankenregulierung nach der Finanzkrise 2008, EU-Investitionsprogramme sowie die gesamte EU-Finanzmarktaufsicht. Seit Oktober 2024 leitet Karas als Präsident das European Forum Alpbach.