25 Jahre IPO


Die Börse, die sich selbst notierte

Clara-Christina Streit

Mit ihrem IPO setzte die Deutsche Börse Group alles aufs Spiel – und zugleich ein einzigartiges Signal. Fünf Lehren eines Wagnisses. 

Als die Deutsche Börse Group vor 25 Jahren selbst an die Börse ging, war ich Consultant bei der Unternehmensberatung McKinsey & Company. Ich gehörte zu dem Team, das den damaligen Vorstandsvorsitzenden Werner G. Seifert und seine Führungsmannschaft bei der strategischen Ausrichtung des Unternehmens unterstützte. Es war eine Phase intensiver Diskussionen und ehrgeiziger Pläne, an die ich mich gerne erinnere. Was uns verband, war unser Wille, das Projekt erfolgreich umzusetzen. Fünf Lehren, die ich von damals mitgenommen habe: 

1. Vision schlägt Marktstimmung. 

Die Entscheidung, die Deutsche Börse Group im Jahr 2001 zu listen, zeugte von strategischer Weitsicht. Ziel war es, das Unternehmen nicht nur als nationale Börse, sondern als globalen Infrastrukturanbieter zu positionieren. Und das, obwohl die Marktbedingungen kurz nach dem Dotcom-Crash im Jahr zuvor alles andere als ideal waren. Trotzdem war der Börsengang erfolgreich – denn die Unternehmensleitung verfolgte eine klare Vision: Digitalisierung, Integration und Skalierung der Finanzmarktinfrastruktur. Es kommt also weniger auf kurzfristige Marktzyklen an als auf ein klares Ziel und die Orientierung an strukturellen Trends. 

2. Neuartiges braucht gezielte Kommunikation. 

Damals verwandelten sich Börsen über Nacht von quasi-öffentlichen Einrichtungen in kommerzielle Unternehmen – für die Investoren etwas völlig Neues. Um sie zu überzeugen, mussten wir Vertrauen schaffen. Das Geschäftsmodell von Börsen ist allerdings kompliziert. Es galt also, den Investoren nicht nur die Attraktivität des Geschäftsmodells zu erklären, sondern auch gute Gründe für ein Investment zu liefern. Die Deutsche Börse Group fokussierte sich genau darauf: die Erklärung ihres Geschäftsmodells, ihres Wachstumspotenzials und der Bedeutung ihres regulatorischen Umfelds. Dieser Grundsatz gilt für jede Börsennotierung komplexer oder neu definierter Geschäftsmodelle: Die Qualität der Kommunikation ist ebenso entscheidend wie die finanzielle Performance. 

3. Gute Governance ist die Grundlage für nachhaltigen Erfolg. 

Der Börsengang zwang die Deutsche Börse Group zu einer Professionalisierung ihrer Governance. Die klare Trennung zwischen Eigentümern und Kunden, die Abstimmung der Interessen von Aktionären und weiteren Stakeholdern sowie die Einhaltung internationaler Standards wurden zur neuen Norm. Dadurch entstanden nicht nur klare Entscheidungsstrukturen, um eine zukunftsweisende Strategie zu verfolgen, sondern auch Checks und Balances für Kurskorrekturen. Entscheidend dafür ist die Governance. Sie schafft Glaubwürdigkeit – und damit die Grundlage für nachhaltiges Wachstum. Mit jedem IPO beginnt also auch ein struktureller Wandel hin zu mehr Transparenz und klarer Governance mit wirksamen Kontrollmechanismen. 

4. Kapital ist die Grundlage für Wachstum. 

Mit dem Börsengang erlangte die Deutsche Börse Group die finanzielle Flexibilität, strategische Investitionen und Akquisitionen zu tätigen. Nur auf dieser Grundlage war es möglich, mit Clearstream ein weiteres Standbein für das künftige Wachstum zu schaffen. EEX, 360T, SimCorp – die Liste ließe sich mühelos erweitern: Keine dieser strategisch zentralen Übernahmen wäre ohne den Börsengang möglich gewesen. Nur so konnte eine Marktinfrastrukturgruppe entstehen, die heute zu den führenden weltweit zählt: Die Börsennotierung schafft Unabhängigkeit im Wettbewerb und unterstützt die strategische Ausrichtung. 

5. Ständige Innovation ist das wahre Vermächtnis. 

Rückblickend war der Börsengang nur eine Zwischenstation in einem Prozess der Neuerfindung. Vom Handel über Clearing und Settlement bis hin zu Daten, Analysen und digitalen Assets – die Deutsche Börse Group hat ihre Sichtbarkeit, ihr Kapital und ihre Governance genutzt, um Innovationen dauerhaft voranzutreiben. Dies ist vor allem auch das Verdienst aller Mitarbeiter: ihrer Expertise, ihrer Neugier und ihres Gestaltungswillens. Ihr Engagement und ihre Bereitschaft, Bestehendes zu hinterfragen, machen die Deutsche Börse Group zu einem Ort, an dem Zukunft entsteht. Der wahre Wert eines Börsengangs zeigt sich in dem, was danach kommt – in der Fähigkeit eines Unternehmens, Wandel zu gestalten. 

Börsengang als strategischer Wendepunkt. 

Das vergangene Vierteljahrhundert beweist, wie ein Börsengang zum strategischen Wendepunkt werden kann. Der IPO der Deutsche Börse Group war mehr als ein Mittel zur Kapitalbeschaffung. Er war der entscheidende Impuls für den Wandel der Governance, die internationale Expansion und die technologische Erneuerung – hin zu einem europäischen Champion.  

Aber die Reise geht weiter. Der Weg wird immer mal wieder steil und steinig werden. Doch wer sich einmal mit einem IPO in die Öffentlichkeit gewagt hat, für den gibt es nur eine Richtung: weiter voran. 
 

Clara-Christina Streit ist Vorsitzende des Aufsichtsrats der Deutsche Börse AG, Vorsitzende des Aufsichtsrats der Vonovia SE und Vorsitzende der Regierungskommission Deutscher Corporate