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In Herausforderungen auch Chancen erkennen

25. Nov 2019

In Herausforderungen auch Chancen erkennenRenata Bandov, Leiterin Pre-IPO & Capital Markets, Deutsche Börse AG

Börsengang kann eine langfristig stabile und unabhängige Finanzierungsquelle sein – Es liegt an Unternehmern ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verteidigen

Renata Bandov, Head of Pre-IPO & Capital Markets, Deutsche Börse AG

Mittelständische Unternehmen sind unverändert eine der tragenden Säulen der deutschen Wirtschaft. Fast 32 Millionen Menschen bzw. über 70 Prozent aller Erwerbstätigen waren im vergangenen Jahr bei Mittelständlern beschäftigt – das ist ein neuer Rekord. Unsere Volkswirtschaft ist damit auf einen starken, funktionierenden Mittelstand angewiesen. Insbesondere, weil der deutsche Mittelstand durch seine dezentrale Verteilung zur Stärkung von zahlreichen Regionen abseits der großen Metropolen beiträgt.

Der Mittelstand, angefangen beim kleinen selbstständigen Betrieb bis hin zum etablierten Familienunternehmen, schafft es bisher immer wieder, progressiv mit Veränderungen und Anforderungen umzugehen. Disruptive Veränderungen stellen den Mittelstand allerdings vor neue Herausforderungen und bringen Chancen mit sich: Die Industrie 4.0 steht für einen weitreichenden Wandel für uns alle. Unser tägliches Leben, unsere Produkte und Prozesse werden digitalisierter, vernetzter und Informationen transparenter. Neue Technologien, wie Blockchain, künstliche Intelligenz oder autonomes Fahren eröffnen dem Mittelstand die Erschließung neuer Geschäftsfelder bis hin zum Wandel bisheriger Geschäftsmodelle. Auch hier wird der Mittelstand einen Weg finden, diese Chancen für sich zu nutzen. 

Ein Thema, bei dem sich der Mittelstand hingegen immer noch traditionell präsentiert, ist die eigene Finanzierung – durch Fremdkapital oder Eigenmittel. Das kann, insbesondere im aktuellen Niedrigzinsumfeld und bei immer noch guter konjunktureller Lage, die passende Finanzierungslösung sein. Wer aber weiterdenkt und sich großen anstehenden Herausforderungen stellen will, sollte auch das Thema Börsengang als eine realistische Finanzierungsoption in Betracht ziehen und sich für neue Investorengruppen öffnen.

Denn wenn Unternehmen generationenübergreifend geführt werden, ein starkes und dennoch nachhaltiges Wachstum vorweisen können und zudem schwierige Marktphasen bereits erfolgreich überbestanden haben, sind wichtige Voraussetzungen für eine effektive Kapitalmarktfinanzierung bereits vorhanden.

Mittelständler müssen immer wieder Mut zur Veränderung zeigen. Das gilt auch für die Finanzierung des eigenen Unternehmens. Für eine strategische, zukunftsgerichtete Ausrichtung des eigenen Unternehmens und damit einhergehende umfangreiche Investitionen in neue Technologien, möglicherweise gepaart mit Expansions- oder Internationalisierungsplänen, reicht die klassische Bankenfinanzierung möglicherweise nicht aus. Auch andere Optionen wie eine Innenfinanzierung können hier an ihre Grenzen stoßen. Um sich eigene Entwicklungschancen nicht zu verbauen, stellt sich also die Frage der passenden Finanzierungsstrategie – und die Börse kann hierbei ein bedeutender Baustein sein.

Die Kapitalaufnahme über einen Börsengang (IPO – Initial Public Offering) ermöglicht dem Unternehmen großvolumige und durch Kapitalerhöhungen wiederkehrende Finanzierungsmöglichkeiten. Über einen IPO können Unternehmen die finanziellen Mittel aufbringen, die digitale und dynamische Märkte erfordern. Eine höhere Eigenkapitalquote hat auch Einfluss auf die Bonität des Unternehmens und kann somit bei künftigen Gesprächen mit Kreditgebern Vorteile bringen. Ist der Zugang zum Kapitalmarkt einmal etabliert, kann neben Eigenkapital auch über Anleihen Fremdkapital aufgenommen werden.

Neben den finanziellen gibt es weitere Effekte, die börsennotierte Unternehmen für sich nutzen. Insbesondere die Anwerbung von Fachkräften stellt Arbeitgeber aktuell vor eine Herausforderung, die sie mit einer Börsennotierung durch gesteigerte, öffentliche Wahrnehmung des eigenen Unternehmens etwas einfacher meistern können. Davon profitieren in erster Linie schnell expandierende Scale-up-Unternehmen und mittelständische Unternehmen, die häufig jenseits von Ballungszentren ansässig und oft nicht genug in den Köpfen potentieller Talente verankert sind. In diesem Zusammenhang bringt der Börsengang auch für bestehende Mitarbeiter einen Mehrwert: Unternehmensanteile werden handelbar, so dass sich Programme zur Mitarbeiterbeteiligung umsetzen lassen. Das fördert die Motivation und Bindung der Mitarbeiter an deren Arbeitgeber.

Die nächste Generation

Der Börsengang ist auch eine Option, wenn bei einem anstehenden Generationswechsel ein Nachfolger fehlt. Die Öffnung in Richtung Kapitalmarkt ermöglicht dem bisherigen Unternehmensinhaber, sich schrittweise aus dem Management zurückzuziehen und dem Unternehmen weiterhin mit seinen Erfahrungen zur Verfügung zu stehen.

Für Familienunternehmen, die einen hohen Grad an Kontrolle über das eigene Geschäft trotz Börsengangs erhalten wollen, ist die Rechtsform der Kommanditgesellschaft auf Aktien, kurz KGaA, eine passende Möglichkeit. Henkel, Merck, Hella und Ströer sind hierfür gute Beispiele aus ganz unterschiedlichen Sektoren. Sie zeigen, dass mit dem Börsengang die unternehmerische Handlungsfreiheit bewahrt und zugleich die Finanzierung der eigenen Unternehmensstrategie sichergestellt werden kann. 

Wenn es um den Zugang zum Kapitalmarkt geht, bietet die Deutsche Börse individuell zugeschnittene Börsensegmente passend zur Unternehmensgröße an. Vor zwei Jahren hat sie insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen das Segment Scale geschaffen. Für eine Einbeziehung in Scale müssen die Betriebe ausgewählte Kennzahlen erfüllen, die eine gewisse Börsenreife sicherstellen. Die Deutsche Börse unterstützt Scale-Emittenten durch gezielte Services für die Investor Relations-Arbeit und die Kommunikation mit dem Kapitalmarkt. Dazu zählen Angebote wie Research Reports oder das Investor Targeting, das Unternehmen mit Investoren zusammenbringt. Der Prime Standard, das Segment mit den höchsten Transparenzanforderungen, richtet sich hingegen an etablierte Unternehmen und große Konzerne, die internationale Investoren ansprechen möchten. Ein Listing im Prime Standard ist auch Voraussetzung für die Aufnahme in einen der Auswahlindizes, wie DAX, MDAX oder TecDAX.

Ob Start-up, Mittelstand oder Konzern: Unternehmer haben es selbst in der Hand, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verteidigen und in Herausforderungen auch Chancen zu erkennen. So vielfältig die Gründe für einen Börsengang sein können: Die Strategie und Entwicklung des eigenen Unternehmens muss im Vordergrund stehen. Ein Börsengang kann dabei eine langfristig stabile und unabhängige Finanzierungsquelle sein und für mehr Aufmerksamkeit sowie eine höhere Attraktivität als Arbeitgeber sorgen.

Der Gastbeitrag ist zuerst in der Börsen-Zeitung am 23. November 2019 erschienen.

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